Mein Tochter war es damals gerade 5, die fragte: ’Ist das unser Zug, der da gerade kommt, Papa?’ ... Ja, das war unser Zug, der da gerade abfuhr!

Bad Ems ist übersichtlich - wir sahen die beiden Gleise des Hauptbahnhofs von der Lahnbrücke aus. Auch sonst entsprach alles dem Klischee: Eiskalter Winter, Dunkelheit, nasse Haare vom Thermalbad, das Kaffeehaus auf der Ecke schloss vor unseren Nasen ...

Ohnmacht - Das darf nicht sein! -, fast Panik durchfuhr mich. Aber das Kind an meiner Hand durfte ich dieser Krise nicht aussetzen: Elternverantwortung! Also tat ich, als sei alles ganz normal: ’Nehmen wir halt den nächsten Zug - in einer Stunde!’ Sie fand das in Ordnung ... und kaum zwei Minuten später auch ich.

Weitere Klischees folgten: Im Bahnhofsfoyer zog es erbärmlich und im Büdchen mit Stehtischen wurden lautstark Abwesende beschimpft ... nur in der Bahnhofsgaststätte hatte ich das Gefühl, in die Privatsphäre der Wirtsleute einzudringen. Entsprechen freundlich wurden wir dort mit Fragen belästigt - aber immerhin wie Gäste empfangen: Bei Limo, Bier, modernem Volksgut und: ’Wir waren auch mal in Düsseldorf!’ war es endlich Zeit für den nächsten Zug ...

Doch der kam nicht!

Natürlich keine Durchsage oder sonstige Informationen - geschweige denn Dienstpersonal. Lediglich die Ahnung, das allgemeines Wetterchaos zeige Wirkung. Da rannten wir halt, um nicht zu erfrieren, 40 Minuten lang den Bahnsteig rauf und runter ... und blieben fröhlich. Reiner Selbstschutz ... alles eine Frage der Ansprüche ... normal, wenn mal was nicht klappt ... wie ein Stau auf der Autobahn ... aber ohne Verkehrstote ... und die Frage: Wenn ich mein Kind mit meinem Stimmungstief verschonen kann, warum eigentlich nicht auch mich selbst?

Dann kam der Zug ... überfüllt und überhitzt. Der IC in Koblenz hatte ebenfalls Verspätung - aber das passte. Zur Feier unseres Überlebens führte ich meine Tochter ins Zugrestaurant aus - in eine aussterbende Spezies. Sie fand auch das normal, feierte aber ihre zweite Limo des Tages ... und ich mit ihr die Bewältigung unserer Fastkrise!
Das können Kinder für uns tun, wenn wir es für sie tun - und dazu liefert uns die Bahn ein verlässliches Vehikel.