Dezember 2002. Meine dreijährige Tochter Charlotte und ich wollen samt unseren zwei Taschen und einem kleidergefüllten 120 l Plastiksack mit der DB von Braunschweig nach Potsdam. Im Reisecenter weihnachtsbedingter Trubel, etwa dreißig Minuten Wartezeit. Zuviel für ein nörgelndes Kind, zu lange, um pünktlich wegzukommen. Der alternative Fahrscheinerwerb scheitert, da alle Automaten an technischem Defekt leiden.
Also ohne Fahrkarte in die Regionalbahn Richtung Magdeburg. Umringt von cool-flegelnden Teenagern, widme ich mich, argumentativ dem "Schaffner" gegenüber gewappnet, der Kinderanimation. Er kommt, wir verhandeln: meine Hinderungsgründe vs. seine bahnoffizielle Richtlinienkompetenz. Das coole Umfeld mischt sich ein: Die können bei uns mitfahren, wir haben auf der Gruppenfahrt noch einen Platz frei. Er: Gruppenbildungen im Zug sind untersagt. Immerhin, die Nachlösegebühr entfällt und mir wird Gepäcktransporthilfe in Magdeburg zugesagt.
In Magdeburg übernehmen zwei freundliche Herren das Gepäck und wollen gleichen Service für Potsdam organisieren. Dort empfängt uns aber niemand. Jetzt nicht die Nerven verlieren! Blitzschnell setze ich die Taschen nebst Kind auf den Bahnsteig. Ich will den Sack holen, sehe aber 1. keinen Fahrgast, der sich an die Seite meines Kindes bitten ließe (sie pflegt nämlich panisch loszurennen, sobald ich kurz aus ihrem Blickfeld verschwinde, was auch mir angesichts der Kluft Bahnsteig-Türtritt Panik verursacht), dafür 2. eine wenig entfernt stehende Zugbegleiterin, im Begriff, das Abfahrtsignal zu geben.
Lautstark weise ich auf das fehlende Stück hin. Sie knallhart: Beeilung, der Zug fährt jetzt ab. In diesem Moment glaube ich ernsthaft, die Einführung einer revolutionär neuen Technik verpasst zu haben: die Abfahrt hängt eben nicht mehr von Menschen, sondern einer programmierten Steuerung ab. Das Abwinkritual ist nur mehr traditionelles Relikt. Im ungünstigsten Fall also Pech gehabt, wer zu langsam ist ...
Aufgelöst bitte ich sie, wenigstens näher zu kommen, um das sprungbereite Kind zu schützen. Keine Antwort, keine Regung, konsequent! Ich stürze los, hole den Sack, wähne mein Kind bereits im Gleisbett. Ein Glück, ich war schneller. Der Zug rollt ab und mein wütend gerufenes "blöde Kuh" geht ins Leere, auch pädagogisch. Am 24. 12. fahren wir erneut mit der DB. Charlottes Frage, ob der Zug auch wartet, bis wir ... erinnert mich daran, dass ich mich immer noch ärgere.