Sie sind Kunde der Deutschen Bahn? Dann kennen sie das sicherlich auch: Kleine Umstände, geringe Geschehnisse nehmen ihren Lauf, lange bevor wir es ahnen und in einer Verkettung von vielen Umständen wird unser Leben plötzlich von außen beeinflußt, wie auf Schienen in eine andere Richtung gelenkt. Diese Kraft, der wir scheinbar hilflos ausgeliefert sind, nenne ich das Deutsche-Bahn-Schicksal.
Eine einschneidende DB-Erfahrung machte ich, als ich mit der Bahn zu einem Bewerbungsgespräch fahren wollte. Bewerbung in einer Traumfirma für einen Traumposten. Viel stand auf dem Spiel: Schließlich würde der Termin über mein gesamtes nachfolgendes Leben entscheiden, alles was da noch kommen würde bis zu meinem Tod: Gehalt, Wohnort, meine weitere Karriere und spätere Rente. Ich bin noch nicht mal dreißig Jahre alt, der Termin würde also noch viele Jahre meines Lebens beeinflussen. Also, gut vorbereiten und auf keinen Fall abgehetzt oder gar zu spät kommen. Aber immerhin, jahrelange Erfahrung und etliche Begegnungen mit dem DB-Schicksal hatten mich gelehrt und ich rüstete mich. Bei einer Fahrtzeit von 1 ½ Stunden plante ich, 1 ½ Stunden früher am Reiseziel zu sein. Genug Zeit dachte ich, dem Schicksal der DB zu entgehen.

Aber das DB-Schicksal wollte mir an diesem Tag nichts Gutes. Schon lange hatte es seinen Lauf genommen. Irgendwo in der langen Kette der Bahnorganisation war irgendwo ein kleines Rädchen ins Stocken geraten. Welches und wo, das werde ich nie erfahren. Ich bin ja nur ein kleiner Kunde, einer von Millionen, ein winziges Teilchen in der Hand des übermächtigen Bahnschicksals.
Der erste Zug hatte reichlich Verspätung, der Zeitpuffer schmolz dahin, aber ich hatte noch Hoffnung, alles würde gut werden. Da kam er ja schon, der reichlich verspätete Zug! Einen Anschlußzug hatte ich schon verpaßt, aber ich hatte ja mit Voraussicht geplant und den zweiten würde ich bestimmt noch bekommen. Es schien, als sei ich dem DB-Schicksal noch einmal entkommen. Aber dem DB-Schicksal entkommt man nicht, schon gar nicht mit Tricks und Erfahrung. Der Regional Express war enorm verspätet. Und so fuhr der Zug, anstatt sich zu beeilen und zu versuchen, die Verspätung aufzuholen, langsam und gemächlich. Ständig hielt er an, um schnellere und glitzerndere Züge vorbeizulassen. Die Fahrzeit verdoppelte sich. Ich saß im Abteil, alles verkrampfte sich, der kalte Schweiß stand auf der Stirn. Nun ist auch der zweite Anschlußzug abgefahren, dachte ich und ich konnte nichts dagegen tun. So saß ich im Abteil und mußte zusehen, wie das DB-Schicksal mein Leben in die Hand nahm. Ich würde Stunden zu spät kommen und die Chancen den Job zu bekommen, waren plötzlich, ganz ohne mein Zutun gegen, Null geschrumpft. Das erfolgreiche Leben, das ich mir so oft träumerisch vorgestellt hatte, zog ein letztes Mal in Gedanken an mir vorbei. Und während ich so in Gedanken war, kratzen meine Fingernägel über die Kunstlederbezüge. Die einzige Rache die uns kleinen und unbedeutenden Kunden am DB-Schicksal bleibt.