Zu Beginn bin ich doch recht verunsichert, als ich Mitte Januar den ICE 611 von Bochum nach Stuttgart betrete: Den Platz Nummer 21 kann ich trotz moderner technikunterstützter Beschilderung nicht sofort finden. Hm, ich bin mittlerweile schon am Ende des Abteils angelangt. Kein Platz. Da entdecke ich noch einen kleinen Raum, ganz am Ende des Zuges. Ein merkwürdiger Teil Zug. Zwölf Sitze. Vielleicht einige mehr. Boden und Decke laufen zusammen und scheinen sich zu berühren. [...] Ich kann meine Augen nicht lösen, von den endlosen Schienensträngen, vom Schotter und den Signalleuchten. Der Blick wendet sich also ins Cockpit. Abgetrennt durch eine gläserne Wand. Der Passagier beobachtet den Akt des Lokführens. Im Flugzeug undenkbar, oder?

Im Führerhäuschen, hinter der Glasscheibe treffen sich Mensch und Maschine in ihrer ursprünglichsten Form. Der alte, weißhaarige Mann könnte gerade Hemingways Meer entstiegen sein. Ihn umgibt die Aura von Zug-Geschichte. Hunderttausende Kilometer war er der erste Mann an Bord, das Schicksal von Vehikel und Passagieren lag in seiner Hand, und stets hat er sie sicher ans Ziel gebracht. Jetzt sitzt er in seinem modernen Cockpit, steckt sich genüsslich eine Zigarette an, und schwingt in regelmäßigen Abständen auf seinem Drehstuhl hin- und her. Seine Augen suchen den Kontakt zu den Menschen hinter ihm.

Mittlerweile haben wir die Höchstgeschwindigkeit erreicht, und cruisen mit angenehmen 300 km/h an der A3 entlang. Ein Vater betritt den Raum, auf seinem Arm den dreijährigen Sohn. Er stellt sich an die Glaswand, und deutet mit dem Zeigefinger auf die Bildschirme und Leuchtanzeigen im Cockpit. Da öffnet der Zugführer mit dem gütigen Lächeln die Tür und bittet Vater und Sohn hinein. Der Zug fährt unbeirrt weiter und bahnt sich seinen Weg über Brücken und durch Tunnel, angetrieben von einer unsichtbaren Macht, immer vorwärts, dem Ziel entgegen. Lokführer und Vater sprechen miteinander, der alte Mann drückt einige Knöpfe und nimmt den Kleinen auf seinen Schoß. Wir fahren noch immer. Schon wieder sind wir vier Kilometer weiter, überholen stetig alle Autos, die sich manchmal linker, manchmal rechter Hand um uns herumschlängeln. Fragen schießen mir durch den Kopf:
Wer kontrolliert eigentlich diesen Zug?
Warum gibt es noch einen Lokführer?
Kontrolliert er den unkontrollierbaren Zug?
Immer weiter. Die Lichter in den Tunneln schlagen wie Blitze in meine Augen ein, und über uns wacht der große, runde Mond. Ein Knall. Zwei, drei Sekunden ein Wesen an meiner linken Schulter. Nur Zentimeter getrennt. Lichter, rote und weiße Farbe. Und kurz vorher sah ich, wie der Lokomotivführer seinen Arm hob und winkend grüßte.

Die Ansage: bilingual. Wir seien in wenigen Minuten in Frankfurt Flughafen, Fernbahnhof. Wir werden langsamer. Vater und Sohn gehen schnell, denn jetzt ist die volle Konzentration von Nöten, der Zug will im richtigen Moment auf dem richtigen Gleis, am richtigen Punkt zum Stillstand kommen.

Dann, Sekunden später, stehen wir im belebten Bahnhof. Die Tür in der Glaswand öffnet sich, der weißhaarige Mann kommt heraus und verlässt den Zug. Was er wohl macht? Mein Blick fällt auf die Tür, auf die Knöpfe, Hebel und Bildschirme…Lust hätte ich ja auch mal.