Man wahrt im großen Saal auch dann die Form, wenn man sich gegenseitig mit Massenvernichtungswaffen bedroht. Zu Beginn der Sitzung hatten sich die Herren Negroponte, Greenstock und al-Douri reserviert, aber höflich zugenickt. Dann nahmen die Botschafter der USA, Großbritanniens und des Irak nebeneinander Platz. Das Protokoll hatte die Sitzordnung so vorgesehen an jenem Tag, als Hans Blix, der Chef der Waffeninspektoren im Irak, dem UN-Sicherheitsrat seinen Bericht vorlas. Einerseits übte Blix darin harsche Kritik am Irak, andererseits führte er ein eloquentes Plädoyer für die Wirksamkeit von Inspektionen. Montag, 27. Januar 2003 sollte der Tag der Entscheidung sein. Doch kurz nach zwölf Uhr stand fest: Das Warten auf den Krieg geht weiter.

Es war natürlich vorher schon ausgehandelt, dass an diesem Tag kein Signal zum Angriff erfolgen würde: Frankreich, Deutschland, Russland, China fordern mehr Zeit für Waffeninspektionen; Tony Blair hat in seiner Labour-Partei mit massivem Widerstand gegen einen Krieg zu kämpfen, George W. Bush mit einer zunehmend skeptischen amerikanischen Öffentlichkeit. Am 14. Februar soll Blix dem Sicherheitsrat erneut berichten. Eine Gnadenfrist, wie es scheint, denn nur noch wenige im UN-Hauptquartier glauben, dass ein Angriff gegen den Irak zu verhindern sei. Und einige Stunden nach Blix’ Lesung kündigte US-Außenminister Colin Powell an, nächste Woche amerikanische Geheimdienstberichte über irakische Waffenprogramme zu veröffentlichen – also endlich die smoking gun zu präsentieren, welche die Inspektoren bislang nicht gefunden haben. In den Fluren der Vereinten Nationen übt man sich seither in Sarkasmus. "Habt ihr gehört? Bush wird bei seiner Rede zur Lage der Nation den Krieg ausrufen. Gegen Frankreich."

Einzig Zbigniew Brzezinski, ehemals Nationaler Sicherheitsberater unter Jimmy Carter, skizzierte in den Abendnachrichten ein alternatives Szenario zum Krieg: Der Irak entschließt sich angesichts des drohenden Bombenhagels zu bedingungsloser, aktiver Kooperation; die US-Regierung sieht von ihrem wahren Ziel des Regimewechsels ab, akzeptiert die Abrüstung des Irak als Erfolg und gibt Bagdad für diesen Fall eine über die UN vermittelte Nichtangriffserklärung. Vielleicht ist das an diesem 27. Januar tatsächlich der einzig denkbare Ausweg aus einer Krise, in der es nicht nur um Krieg oder Frieden, Regimewechsel oder Entwaffnung im Irak geht.

In diesem Countdown geht es auch um die Zukunft der Vereinten Nationen im Zeitalter einer neuen amerikanischen Vorherrschaft. Das Verhältnis der UN zu Amerika ist von jeher bestimmt von Spannungen, Unverständnis und gegenseitiger Abhängigkeit. Während die ganze Welt den sich zuspitzenden Konflikt zwischen der amerikanischen Regierung, Saddam Hussein und dem UN-Sicherheitsrat verfolgt, geht in den Departments und Büros im UN-Gebäude der Alltagsbetrieb weiter: die Verwaltung der humanitären Hilfsleistungen bei Katastrophen etwa, die Verwaltung der weltweiten Blauhelm-Einsätze, die Verwaltung des Oil- for-Food-Programms (des Öl-für-Nahrung-Programms im Irak), die Verwaltung der weltweiten Abrüstungsprogramme.

Donnerstag, 9. Januar. Im UN-Hauptquartier atmet man auf, leise. Der Fernsehsender ABC meldet unter Berufung auf Quellen aus dem Pentagon, das amerikanische Militär sei frühestens Anfang März zum Angriff bereit. Im 36. Stock des Gebäudes am East River bereitet sich Hansjörg Strohmeyer auf einen Krieg vor, der nach offizieller Lesart des Hauses noch abzuwenden ist. "Jedenfalls reden wir hier nicht von Countdown", sagt er. Aber Zeit sei Luxus – ein Luxus, den Strohmeyers Abteilung nicht immer hat. Es ist der Luxus, sich auf verschiedene Szenarien des Elends vorzubereiten und nicht, wie damals im Kosovo- oder Osttimor-Konflikt, vom Ausmaß einer Massenflucht überrascht zu werden.

Hier, in der höchstgelegenen Etage des UN-Gebäudes, befindet sich das Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, das Büro zur Koordination humanitärer Angelegenheiten. OCHA ist der Katastrophendienst der Vereinten Nationen. Bei Überschwemmungen in Mosambik, bei der aktuellen Hungersnot in Nordkorea oder einem Erdbeben in Indien versucht das Büro, die humanitäre Hilfe zu koordinieren und Ordnung ins Labyrinth der Hilfsorganisationen zu bringen. Da Fernsehkameras meist schneller am Ort einer Katastrophe sind als der bürokratische UN-Koloss, gibt es in den Medien für die Arbeit der OCHA selten gute Noten, Strohmeyer hat sich daran gewöhnt. Er ist Chief of Staff, und im Krisenfall kommt er ohnehin kaum dazu, die Zeitung zu lesen.