Die Mitgliederliste der Kommission zur Strukturreform der Hamburger Hochschulen liest sich wie ein Who’s who deutscher Bildungsreformer: Unter der Leitung des ehemaligen Bürgermeisters der Hansestadt und früheren Bonner Bildungsministers, Klaus von Dohnanyi, versammeln sich ausgewiesene Experten wie Manfred Ehrhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß sowie der ehemalige Yale-Professor und Gründungsrektor der Viadrina (Frankfurt/Oder) Hans N. Weiler – allesamt als notorische Universitätskritiker bekannt. Ihre Vorschläge zeichnen sich denn auch weniger durch ihre Originalität als durch ihre Geschlossenheit aus – und dadurch, dass sie die Chance haben, Wirklichkeit zu werden.

Zwar hat man jede Reformidee bereits irgendwo gelesen. Doch als geschlossenes Gesamtkonzept für einen großen Hochschulstandort werden sie das erste Mal präsentiert. Damit liefert das 120-Seiten-Gutachten eine Blaupause, wie Studium und Forschung in Zukunft auch anderswo in Deutschland organisiert sein könnten.

Straffe Organisation des Studiums, strikte Auswahl der Studenten, stärkere berufliche Orientierung sowie eine engere Anbindung der Hochschulen an den wirtschaftlichen Bedarf der Region: das sind die Prinzipien der Radikalkur, mit denen die Kommission die Hamburger Wissenschaftsstätten sanieren möchte. Auch gegen Studiengebühren haben die Experten prinzipiell nichts einzuwenden, vorausgesetzt, es gibt ausreichend Stipendien oder Darlehen, und das Geld kommt den Hochschulen zugute.

So reorganisiert, sollen in 10 Jahren 6600 Studenten jährlich (statt 3900 heute) die Hamburger Hochschulen mit einem Abschluss verlassen, und zwar ohne dass dies die Stadt mehr Geld kostet. Diese Effizienzsteigerung kennt allerdings auch klare Verlierer: Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die kleinen Disziplinen.

In den Geisteswissenschaften schlägt die Kommission vor, das Fächerangebot zu halbieren und die Studienplätze um ein Viertel zu reduzieren. Dagegen sollen die Naturwissenschaften und die Ingenieurstudiengänge wachsen. Fächer, die wie die Architektur an mehr als einer der sechs Hamburger Hochschulen angeboten werden, sollen fusionieren.

Auch die wissenschaftlichen Schwerpunktthemen, denen sich Ausbildung und Forschung widmen sollen, orientieren sich stark an ökonomischen Vorgaben: Neben Luftfahrt und Hafen sollen einmal mehr die Nanotechnologie und die Biowissenschaften mit Geld bedacht werden. Die Geisteswissenschaften spielen nur bei dem anvisierten „China-Portal“ eine Statistenrolle.

Zehn Jahre soll der Umbau dauern. Die ersten Reaktionen auf die Expertise waren von zurückhaltendem Wohlwollen geprägt. Doch wer sieht, welchen Unmut in Berlin schon die Zusammenlegung zweier Universitätskliniken provoziert, weiß, wie groß der Widerstand gegen die Rundumreform in Hamburg sein wird. Der parteilose Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger scheint dennoch entschlossen, die Expertise der Dohnanyi-Kommission zur Vorlage seiner Politik zu machen.

. Martin Spiewak