Lange nach seinem Hungertod in Leningrad ist Daniil Charms in das Bewusstsein der Leser in Europa getreten; es musste erst der Sowjetkommunismus in sich zusammenfallen, bevor in der wieder zu Sankt Petersburg gewordenen Heimatstadt des Dichters eine vollständige Ausgabe seiner Werke erscheinen konnte. In deutscher Sprache erschien, herausgegeben von Peter Urban, schon 1984 eine Sammlung von Charms-Texten, die schnell vergriffen war und den Autor sofort berühmt machte. Nun hat die Friedenauer Presse, wiederum von Peter Urban vorzüglich betreut, zwei Charms-Ausgaben vorgelegt: eine erweiterte und revidierte Fassung der Fälle, die nunmehr vollständigste Textausgabe im Deutschen, und Zirkus Sardam, ein kleines Stück für das Leningrader Marionettentheater, das, obwohl ein Kinderstück, sofort das Misstrauen der Obrigkeit erregte.

Grotesken werden die kleinen Prosastücke von Daniil Charms gern genannt. Grotesken nannte man ursprünglich die Dekorationsmalereien des kaiserlichen Rom, bei der ein Netz aus winzigen Fratzen, verdrehten Körpern, Tiermenschlein und Lilienstängeln mit Bocksbeinen die Wände überzog. Obwohl viel Karikaturhaftes in diesen Grotesken zu finden ist, wirken sie nicht eigentlich komisch. Die luftige Konstruktion, mit der sie ein Zimmer umkleiden, ist überaus elegant und zart. In den römischen Grotesken verbindet sich das krankhaft Verdrehte und Abnorme mit seiltänzerischer Schwerelosigkeit.

Lust am kindlichen Spiel

Von diesem Groteskengeist haben die Charms-Stücke tatsächlich etwas mitbekommen. Viele von ihnen sind sehr komisch, aber keine einzige von ihnen zielt auf eine Pointe. Ihre Komik beruht geradezu auf ihrer schwebenden Pointenlosigkeit, oft auch Pointenverweigerung, gelegentlich sogar Pointenvernichtung. In vielen der oft nur wenige Sätze langen Geschichten geschieht Grausames und Gewalttätiges, sie schwelgen in rätselhaft unmotivierten Bluttaten, vergleichbar den Berichten aus den Vermischten Nachrichten über die Selbstausrottung ganzer Familien, aber sie gipfeln nicht darin, sondern verpuffen oder platzen wie Seifenblasen, wenn die lässige Geste des undurchschaubaren Erzählers es befiehlt. Gerade durch die Kürze der Geschichten narrt Charms seine Leser stets aufs Neue: Sie lassen eine Zuspitzung erwarten, sie haben das Format von Witzen und Anekdoten, und sie beginnen auch häufig, als solle jetzt ein unerhörtes Vorkommnis berichtet werden, aber dann sind nicht einmal Mord und Totschlag mehr erzählenswerte Stoffe. Orientierungslosigkeit und Phrasenverfallenheit des Ich-Erzählers siegen über jeden konsistenten historischen Ablauf. Zwischen das erzählenswerte Ereignis und seine literarische Wiedergabe schiebt sich ein dem Chaos verfallener Geist und wirft alles durcheinander. Dies geschieht jedoch, jedenfalls in der Urbanschen Übersetzung, in einer glockenklaren Sprache, die in ihrer poetischen Einfachheit an Robert Walser erinnert. Die fürchterliche Verwirrung findet in einem Geist voll ästhetischer Unschuld statt. Die Charms-Stücke atmen nicht die Atmosphäre eines dekadenten Exerzitiums, sondern eines kindlichen Spiels.

Natürlich stellt sich nach der Lektüre der Fälle die Frage, wie unschuldig dieses Kind Charms wirklich gewesen ist. Ein Russe unter Stalins Herrschaft scheint nach unserer Vorstellung von allen geistigen Entwicklungen des Westens vollständig abgeschnitten gewesen zu sein, aber er war es natürlich nicht. Für die pointenlose, die Hörererwartungen durchkreuzende Erzählung gab es sogar in Russland bedeutende Vorbilder in Gestalt der frühen Tolstoj-Erzählungen und vieler Tschechow-Monologe. Deren Absurdität entstammte der Naturbeobachtung, die den altmodischen Dialog, in dem sich Menschen geschlossene Erzählungen übermitteln, als eine artifizielle Dramaturgie entlarvte, die im Leben keinerlei Entsprechung findet. Das Unlogische, Abgerissene, Unbewusste, Widersinnige beinahe aller menschlichen Äußerungen im täglichen Leben entdeckt zu haben gehörte zu den besonderen Triumphen der russischen Literatur, die der 1905 geborene Charms schon als eine klassisch gewordene vorfand.

Ein anderer möglicher Traditionsstrang, der zu Charms führen könnte, stammt aus der französischen Literatur: Baudelaires Spleen de Paris mit der Geschichte der Verprügelung des Glashändlers kommt hier ebenso infrage wie der großartige und bis heute unübertroffene Ubu roi des Alfred Jarry. Hat Charms Jarry gekannt? Man möchte beinahe sicher sein. Auch Jarry hatte eine besondere Liebe zum Puppentheater und hatte seinen Ubu roi als Puppenstück geplant. Das Eindreschen, Kopf- und Beinabreißen, Mit-dem-Schädel-gegen-die-Wand-Schlagen gehört zur Dramaturgie des Kaspertheaters, das auf Fanzösisch Grand Guignol heißt - und Grand Guignol hieß auch das Pariser Theater des Schreckens mit naiven Stücken voller Blutrünstigkeit, die von den Surrealisten als große künstlerische Offenbarungen gefeiert wurden.