Die Kollegen hatten es leicht: Sie formten ein paar Skulpturen aus Tiefkühlblut, pinselten ein paar Bilder aus Elefantenmist, schon ging sie ab, die Künstlerblitzkarriere. Alles im London der neunziger Jahre gierte nach Sensation, nach Schock und Spektakel. Nur für einen wie Steve McQueen schien kein Raum zu sein. Die schnellen Geschichten und schrillen Effekte sind ihm fremd, er ist kein Selbstvermarkter. Lieber sucht er das Stille, ein Schweigen. Und darin den Erfolg.

Gerade mal zehn Jahre ist es her, dass er seinen ersten tonlosen Film drehte, zehn Jahre, in denen man ihn gleich zweimal zur Documenta nach Kassel einlud, er den heiß umkämpften Turner Prize bekam und die Museen sich um seine Videos rissen. Jetzt richtet ihm das Musée d'Art Moderne de la Ville in Paris sogar eine kleine Retrospektive aus, zu sehen von dieser Woche ab. Besonders wohl fühlt er sich allerdings nicht bei so viel Aufhebens. "Es gibt ja Künstler, die denken darüber nach, was andere über sie denken. Dann werden sie exotisch und immer exotischer", sagt der 33-jährige Brite. "Ich bin niemandes Nigger.

Und ich versuche, nicht ein Nigger meiner selbst zu werden."

Steuerbar sein, eingefangen von den Erwartungen anderer - das ist sein Albtraum. Schon als Student an der Filmhochschule in New York wehrte er sich gegen rigide Regel- und Formelwerke und musste prompt gehen. "Da war es nicht mal erlaubt, die Kamera in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen." Er ließ sie trotzdem fliegen, wie einen Ball, in hohem Bogen hin und her zwischen ihm und seiner Schwester. Ein Film voller Wirbelbilder entstand, eine Kunst, die nichts plant, nichts erzwingt.

Oft folgt McQueen seinem Gespür für das eindrücklich Absurde, ohne zu zögern, schaltet er die Kamera ein, hält drauf. Und meist ist die erste Aufnahme auch seine letzte. "Ich bastle nicht lange herum." Niemals würde er sich von Konzepten tragen lassen, immer variiert er Form und Länge. Erst drehte er ohne Ton, später mit, zeigte anschließend Schwarzweiß-Dias, dann präsentierte er drei Filme nebeneinander. Um sich von New York ein Bild zu machen, rollte er eine Tonne umher, darin drei Kameras, eine am Spundloch und zwei an den Seiten. Heraus kam ein Stadtporträt im Schleudergang, alles Gewohnte wurde durchgewalkt. Doch nicht Verwirrung, Verwunderung wünscht sich McQueen. Immer lässt er sich von seiner Lust am Unkontrollierbaren leiten, in der Hoffnung, dass auch wir, die Betrachter, uns hingeben, uns hineintreiben lassen in seine Kunst des Halbschlafs, wo das Klare verschwimmt und sich das Verschwommene klärt.

Mit ihm gleiten wir hinunter in endlose Schächte, in die Goldminen Südafrikas etwa, die er uns in Western Deep auf der Documenta 11 vorführte. Die Hitze, die Enge, die Erschöpfung der Bergarbeiter rücken uns ganz nah - und doch meint man, nur Träume zu sehen. "Ein Film muss sein wie ein Kieselstein, der unserer Hand schmeichelt", sagt McQueen, "und im nächsten Moment wie ein Stück nasser Seife, das sich dem Zugriff entzieht."

Für ihn verkörpert dies Prinzip des nahbar Unnahbaren ein Musiker wie Tricky, ein TripHopper, den McQueen bei einer Plattenaufnahme im Studio filmte, ein dunkler Körper in dunklem Raum, der durch die Musik zu beben beginnt, den es rüttelt und schüttelt, als müsste alles hinaus. Tricky brüllt, keift, schnauzt, ein heiseres, verzweifeltes Bellen, die Hände würgen das Mikrofon wie eine bösartige Schlange. Dann setzt die Musik aus, alles ist wieder im Lot, Tricky ganz bei sich. Ungerührt begleitet McQueen diesen Grenzgang hinüber ins Reich der Ekstase, seine Kamera bewegt sich kaum, nur einmal wechselt sie die Perspektive. Er setzt der Clip-und-klar-Logik, wie sie MTV verbreitet, etwas Rohes, oft Karges entgegen, er baut auf das Unmittelbare.