Zweiter Februar 2003. War auf der Beerdigung meines Lieblingsinternisten, des Dr. L., der ein Opfer seines Triebes wurde – er sammelte, immer in doppelten Exemplaren aus Angst vor Diebstahl, jahrzehntelang Zeitungen und Zeitschriften, bis er sich nur noch in engen Gängen bewegen und auf winzigen Lichtungen ruhen konnte. Dem Messie-Syndrom darf man nicht in einer Neubauwohnung frönen. Wer weiß, ob seine Ersatzkasse das Syndrom anerkannte? Zur Behandlung ging er immer zu einem Analytiker, Dr. Haase, den auch ich mitunter konsultiere, wenn meine Leiden ein fruchtloses Gespräch zu hohen Kosten ertragen. Gottlob ist Haase auch approbierter Mediziner. Leider hat er ein professionell deformiertes Verhältnis zu psychischen Schäden. Auch Haase war auf dem Waldfriedhof, viel Publikum, Patienten mit obskuren Leiden, leider auch viele tropfende Nasen, dazu Husten und Gerotz, eben Februar. Armer L., sagte Haase in der protestantischen Kapelle aus blauen Glasziegeln mit Blick auf die Lafette für den Sarg, was für ein ausgesucht trübes Ende.

Mein liebster Internist hatte sich sein Ende ausgesucht, und ich möchte nur wissen, welchen letzten Gedanken er hatte, bevor ihn der Riesenstapel von National Geographic begrub. Dr. L. war der beste Zuhörer, den ich je hatte. Niemand kommt ihm gleich, es sei denn Dr. H., der einmal eine authentische Liste meiner Leiden aufgeschrieben hatte; leider riss uns die Kostenexplosion im Gesundheitswesen auseinander, und er sagte, für Gespräche über nichts oder nichts Signifikantes sei in seinem Honorarkosmos kein Platz mehr, wenn ich mit einem ernsthaften, organischen Schaden aufwarten könne, solle ich getrost zu ihm kommen; klang wie eine Einladung, die ich selbstverständlich nicht annahm.

3. Februar. Diese Beerdigung verfolgt mich bis in die Morgenträume. Habe auch Dr. B. gesehen, einen Gastroenterologen, Praxis Kurfürstendamm, viel Geld durch marode, perforierte und entzündete Mägen und Därme, Spezialist für Ösophagitis. Ich hegte einen starken Verdacht auf Magenkrebs, der meinen Darm zu unwürdigen Kapriolen zwang. Magenspiegelung! Man muss sich immer um die Ursachen kümmern, wenn sie so klar sind. Nichts, sagte Dr. B., herrliche Schleimhäute, alles intakt, nicht einmal trübe Sekrete. Die Schlummerspritze war teuer; dafür bekam man nach der Betäubung Tee und Kekse, immerhin.

Arztwechsel, ein Dr. Herbarth. Habe von meinen Bauchschmerzen erzählt, die eine innige Verknüpfung zum Stirnkopfschmerz haben, vor allem zwischen vier und sechs Uhr morgens. Cephalgien unklarer Genese, sagte dieser mit der Schlangenzunge des Hippokrates zwischen seinen verdorrten Lippen; ich sei hypernervös, extrem ängstlich, dispositionell ein Phobiker ohne Genese und als Ersatzkassen-Wesen ein übler Schmarotzer. Wenn ich Ihnen, sagte er zum Abschied, einen guten Rat geben darf: Fangen Sie zu trinken und zu rauchen an, dann entsteht ein für alle Parteien nützlicher Überweisungskreislauf. Sie sind nichts als ein Hypochonder!

Mit der Hypernervosität und der Angst hatte Dr.B. natürlich Recht, aber wer ist schon so blöd, angesichts der tausend Toxine, des Lebens selbst und des unvermeidlichen Endes keine Störungen zu entwickeln, auch wenn sie kein Schwein exakt diagnostizieren kann. Und mir fiel der tröstliche Satz des Arztsohns und Schriftstellers Johann Georg Hamann ein: "Diese impertinente Unruhe, diese heilige Hypochondrie ist vielleicht das Feuer, womit wir Opfertiere gesalzen und von der Fäulnis des laufenden seculi bewahrt werden."

4. Februar. Der neue Schmerz fängt im linken kleinen Zeh an, kriecht in die Wade, die mit Starrsinn reagiert, verdünnt sich in der Leistengegend, infiltriert über Milz, Niere und die brave Leber auch das Herz, das arhythmisch zu schlagen beginnt, und erreicht endlich gegen vier Uhr morgens das Gehirn, Vorderlappenzone, nehme ich an, und beginnt diffuse, aber wohlgemeinte Signale an den Körper auszusenden; es räsoniert wie jeder beliebige Arzt und sagt: Da ist nichts! Mach dir keine Gedanken! Alles psychosomatisch.

8. Februar. Alle Quartalstermine überschritten, keine Praxis nimmt mich mehr, muss mich jetzt selbst kurieren. Bekämpfe meinen Magen-Hirn-Schwindel durch chinesische Phytotherapien. Besser als nichts. Vermisse aber meine ausführlichen Arzt-Gespräche. Wenn auch die Explorationen nie zu einem Resultat führten; aber der Tag wird kommen. Irgendwo sagt Galen in einer Schrift (oder Steiner oder Freud, Gott weiß): Heile dich selbst, Arzt . Dann werde ich einmal im Leben ernst genommen, vorausgesetzt, die chinesische Kräutermedizin ist wirklich so schädlich, wie man behauptet. Aber das Ziel wäre erreicht – von allen diffusen Leiden torpediert und endlich omnimorbide.