Der Auftritt von NPD-Funktionären auf einer Tagung von Islamisten in Berlin vor einigen Wochen war für die Bundesregierung der Auslöser, die Organisation Hisb ut-Tahrir zu verbieten. Neonazis suchen verstärkt den Kontakt zu Islamisten. Ihre Hauptgemeinsamkeit ist offensichtlich: der Judenhass. Verfassungsschützer warnen seit Jahren vor einer Symbiose aus europäischem und islamischem Antisemitismus.

Vielfach wird jedoch noch immer bestritten, dass es in der islamischen Zivilisation überhaupt eine antisemitische Tradition gebe. Als im Frühjahr des vergangenen Jahres der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Jamal Karsli, nach seinem Übertritt von den Grünen zur FDP-Fraktion, mit antisemitischen Äußerungen Aufsehen erregte, wurde er von seinem Fraktionschef Jürgen Möllemann in Schutz genommen: Karsli könne schon deshalb kein Antisemit sein, weil er als Araber ja selbst Semit sei. Dieser von proarabischen Israel-Kritikern häufig verwendete Einwand ist jedoch Augenwischerei.

In seinem Standardwerk The Jews of Islam bescheinigt der große Islam-Historiker Bernard Lewis der klassischen islamischen Zivilisation zwar tatsächlich, frei von Antisemitismus gewesen zu sein. Das gelte freilich in der Gegenwart nicht mehr. Mit der Übernahme nationalistischer Ideologien aus dem Westen und im Zuge der Palästinafrage habe im 20. Jahrhundert auch der europäische Antisemitismus Eingang in den Nahen Osten gefunden. Zunächst nur ein Import, habe er inzwischen in der arabischen Welt feste Wurzeln geschlagen.

Lange Zeit hat sich diese arabisch-islamische Spielart des Antisemitismus hinter dem Begriff "Antizionismus" versteckt. Das ist aber längst nicht mehr durchgängig der Fall. In dem 51 Seiten starken, im arabischen Raum weit verbreiteten Pamphlet des Palästinensers Muhsen al-Antabawi mit dem Titel Warum wir jeden Frieden mit den Juden ablehnen ist die Rede vom "Juden" (jahud) schlechthin, es wird nicht zwischen Juden und Israelis differenziert. Es heißt: "Mit den Juden kann es weder Frieden noch Versöhnung geben … Die Rolle des Weltjudentums in der Verbreitung des Sittenverfalls ist wohl bekannt… Die Juden kontrollieren mehr als 80 Prozent der US-Medien … die in den Zion-Protokollen festgehaltenen Pläne sind ebenso bekannt: Die Juden planen die Beherrschung der Welt und deshalb zerstören sie die Moral und bemächtigen sich der Wirtschaft der einflussreichen Länder und der Medien." Mit den "Zion-Protokollen" spielt er offenbar auf die antisemitische Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion an, die an der Wende zum 20. Jahrhunderts entstand und zur wichtigsten Legitimationsschrift des europäischen Antisemitismus wurde.

Die ersten geistigen Spuren des islamistischen Antisemitismus finden wir bei dem Ägypter Said Qutb (1906 bis 1966), dem geistigen Vater des politischen Islam. Von ihm stammt die Gleichsetzung von al-Salibja al-Alamija ("Welt-Kreuzzüglertum") und al-Jahudja al-Alamija ("Weltjudentum") – Christen und Juden wollten Hand in Hand den Islam und die muslimische Welt zerstören. Wie abwegig diese propagandistische Behauptung ist, zeigt sich, wenn man die historischen Tatsachen betrachtet. Aus der monumentalen Geschichte der Kreuzzüge des britischen Historikers Steven Runciman wissen wir, dass Juden und Muslime als Opfer der Kreuzzüge im selben Boot saßen. Sie haben Jerusalem im Jahre 1099 gemeinsam gegen die Eroberung durch die Kreuzfahrer verteidigt. Dafür nahmen die Angreifer grausame Rache. Runciman schreibt: "Die Juden Jerusalems … standen im Verdacht, den Mohammedanern geholfen zu haben … die Synagoge wurde in Brand gesteckt und in ihrem Inneren fanden geflüchtete Juden den Feuertod."

Diese historischen Fakten fanden in dem antisemitischen Standardpamphlet Said Qutbs, das heute unter dem Titel Ma’rakatuna ma’a al-Jahud ("Unser Kampf gegen die Juden") überall in der islamischen Welt kursiert, keine Beachtung. Diktion und Geist dieses Machwerks ist durchaus mit Hitlers Mein Kampf vergleichbar. So heißt es beispielsweise: "Hinter jeder spaltenden Tat in Bezug auf das letzte islamische Kalifat und hinter dessen Auflösung sowie hinter der Abschaffung der Scharia … durch den ,Helden‘ Atatürk, stand stets ein Jude… Alles, was seitdem gegen das islamische Erwachen im Rahmen eines erklärten Krieges gegen den Islam auf dieser Erde geschieht, ist als das Werk der Juden zu sehen." Qutbs zufolge "hat die islamische Umma (Gemeinschaft, Anm. d. Red.) unter den Intrigen der Juden stets gelitten… Die Juden waren die ersten, und in ihre Fußstapfen traten die Kreuzzügler."

Als Beweis für die unterstellte jüdische Verschwörung gegen den Islam in der neueren Geschichte führt Qutb unter anderem das Wirken der Juden innerhalb der europäischen Orientalistik an. Auch hier verdreht er – wie die meisten Islamisten – die geschichtlichen Tatsachen. Es trifft zwar zu, dass man in der früheren deutschen und europäischen Islamwissenschaft, deren Anfänge ins 19. Jahrhundert zurückreichen, antiislamische Voreingenommenheit findet – etwa bei dem deutschen Orientalisten und preußischen Kulturminister C. H. Becker. Aber diese islamophoben Orientalisten waren durchweg Christen. Beinahe bei allen jüdischen Orientalisten Europas hingegen findet man eine zum Teil übertriebene Zuneigung zum Islam. So wurde etwa das islamisch beherrschte mittelalterlichen Cordoba in einer Weise gepriesen, die an eine Glorifizierung der islamischen Geschichte grenzt. Der Jerusalemer Politologe Schlomo Avineri hat diese Haltung einmal so erklärt: Jüdische Islamwissenschaftler wollten den Islam stets in ein besseres Licht rücken, weil sie angesichts des europäischen Antisemitismus Halt in einer orientalischen Identität suchten. Der in Tel Aviv lehrende Israeli Martin Kramer nannte eine von ihm herausgegebene Festschrift für Bernard Lewis The Jewish Discovery of Islam, "Die jüdische Entdeckung des Islam". Er wies damit auf die Tatsache hin, dass die außerordentlich hohe Wertschätzung des Islam ausschließlich auf den Forschungsergebnissen jüdischer Gelehrter basiert.

Dennoch kursiert in der islamischen Welt die von den Islamisten verbreitete Unterstellung einer jüdischen Verschwörung gegen den Islam. Diese antisemitische Grundhaltung erschwert nicht zuletzt eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts. In dem eingangs zitierten Pamphlet von al-Antabawi heißt es: "Ein wirklicher Friede – in unserem Verständnis – ist nur durch die Rückgabe unseres Landes, das dann unter die Herrschaft des Islam gestellt wird, also die Beendigung der jüdischen Existenz in Palästina möglich."

Diese Haltung finden wir auch in der Charta von Hamas, einer der führenden Kräfte der zweiten palästinensischen Intifada. Hamas stellt sich als "der schlagende Arm der Bewegung der Muslimbrüder in Palästina" vor, bekennt sich zum Erbe von Said Qutb und zum Dschihad als islamischem Weg zur Befreiung Palästinas. Einleitend werden die Worte al-Antabawis zitiert, wonach die Lösung in der "Beendigung der jüdischen Existenz in Palästina" bestehe. In einem Dokument der Hamas vom 12. November 1988 ist zu lesen: "Palästina ist gesegnetes islamisches Territorium und erstreckt sich vom Mittelmeer bis zum Jordan. Es bildet daher eine unteilbare Einheit."

Mit anderen Worten: entweder Israel oder Palästina. In diesem Geist wird jeder Kompromiss zurückgewiesen, der auf eine Zweistaatenlösung zielt. In Artikel 11 der Charta von Hamas vom 18.August 1988 wird Gesamtpalästina (das historische Territorium) als Waqf Islami, islamisches göttliches Eigentum, bezeichnet, über das es keine Verhandlungen mit den Juden geben dürfe. Artikel 15 schreibt den Dschihad gegen die Juden vor. Im Artikel 27 wird die Islamijat Filastin, der islamische Charakter Palästinas, als Grundlage für jede Konfliktbeendigung festgeschrieben und das Konzept eines islamischen Staates gegen eine säkulare Staatsform gehalten.

Auf der Basis dieser antisemitischen Einstellung lässt sich kein Frieden zwischen Juden und Arabern verwirklichen. Umso wichtiger ist es, auf die besseren Tage der jüdisch-islamischen Geschichte zu blicken – auf jene "jüdisch-islamische Symbiose" des Mittelalters, von der Bernard Lewis spricht. In diesem Geist sollte auch heute ein arabisch-jüdischer Friede angestrebt werden.

Ethnisch-rassische Kategorien waren dem "klassischen" Islam fremd. So schöpften im frühen Mittelalter Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie, islamische, jüdische und christliche Gelehrte, ja sogar Theologen aller drei Religionen, aus denselben Quellen. Unter diesen Bedingungen konnte eine harmonische jüdisch-islamische Kulturtradition entstehen, die von großen jüdischen und islamischen Philosophen wie Maimonides und Averroes verkörpert wurde.

Die mittelalterliche Symbiose zwischen Juden und Arabern war so tiefgreifend, dass man von einer jüdisch-arabischen oder sogar jüdisch-islamischen Kultur sprechen kann. Die kulturelle Assimilation der Juden unter dem arabischen Islam ging laut Bernard Lewis "weit über eine bloße Arabisierung hinaus … und ließe sich besser als Islamisierung bezeichnen". Nicht eine Annahme der Religion des Islam ist darunter zu verstehen, sondern "die Assimilierung an islamische Denk- und Verhaltensweisen, mit einem Wort: eine jüdisch-islamische Tradition parallel zur jüdisch-christlichen, von der wir in der neuzeitlichen Welt zu reden pflegen". Bernard Lewis belegt diese Einschätzung mit gründlichen Untersuchungen über die jüdische Kultur jener Geschichtsepoche. Diese Symbiose beschränkte sich nicht bloß auf Wissenschaft und Philosophie, sie ging weit darüber hinaus und berührte sogar "das Ritual und den Gottesdienst der Synagoge". Lewis spricht dabei stets vom sunnitisch-arabischen Islam und muss konzedieren, dass es eine wichtige Ausnahme gibt, nämlich den schiitischen Islam mit seiner fanatischen Unterscheidung zwischen Reinheit (tahara) und Unreinheit (na-asa). Zwar findet man diese Unterscheidung auch unter Sunniten, aber sie bleibt bei ihnen auf Gegenstände und Tiere beschränkt. Im schiitischen Islam wird dies aber auf die Juden übertragen und bietet somit eine Grundlage für eine schiitische Spielart des Antisemitismus im Islam, die wir seit Chomeini vor allem durch die Äußerungen iranischer Ajatollahs kennen.

Das islamische Mittelalter kennt allerdings eine zweite Epoche, die nicht mehr arabisch dominiert war. Die Juden lebten unter osmanischer Herrschaft und nahmen wichtige Stellungen in Handel und Gewerbe, ja sogar im Staatsdienst ein. Für diese Zeit können wir nicht mehr von einer kulturellen Symbiose sprechen. Im 15. und 16. Jahrhundert wanderten viele Juden aus Europa, vor allem aus Spanien, in das Osmanische Reich ein. Sie wurden durch Berichte über die größere Toleranz angelockt, die dort im Unterschied zu Europa herrschte. Die osmanischen Juden spielten eine bedeutende gesellschaftliche Rolle, aber kulturell blieben sie, verglichen mit der "arabisch-jüdischen Symbiose" des frühen islamischen Mittelalters, stets Fremde.

Die Geschichte des islamischen Antisemitismus begann, als das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert geschwächt wurde und sich der Hass türkischer Muslime gegen ethnische und religiöse Minderheiten richtete, so auch gegen Juden. Das ideologische Rüstzeug dafür wurde aus dem Westen importiert. "Die ersten antisemitischen Pamphlete in arabischer Sprache", schreibt Lewis, "erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie wurden aus den französischen Originalen übersetzt… Die meisten Übersetzungen stammten von arabischen Katholiken, Maroniten oder anderen Unierten", also Angehörigen von mit Rom verbundenen christlichen Gemeinschaften. Später folgten arabische Übersetzungen nationalsozialistischer Propagandaschriften. Wie fremd das antisemitische Denken der arabo-islamischen Kultur anfänglich war, zeigt sich an den judenfeindlichen Karikaturen, die zusammen mit den antisemitischen Schmähschriften in arabischen Ländern auftauchten. Nach Bernard Lewis bedurfte es "einiger pädagogischer Anstrengungen", bis arabische Zeitungsleser imstande waren, die in solchen Karikaturen verwendeten Symbole des "Jüdischen" überhaupt zu verstehen.

Heute gibt es in dieser Hinsicht keine Probleme mehr. Der Inhalt vieler antisemitischer Schriften in islamischen Sprachen weist offensichtliche Parallelen mit der NS-Ideologie auf. Umso mehr stellt sich die Frage: Warum empören sich die Deutschen nicht ebenso heftig über den islamistischen Antisemitismus wie über den neonazistischen? Warum reden deutsche Islam-Experten, die unablässig Verständnis für die islamische Kultur predigen, nicht auch von den Gefahren des Judenhasses, der nicht zuletzt in der deutschen Islam-Diaspora allgegenwärtig ist? Stattdessen wurde nach dem Anschlag der islamistischen Dschihadisten vom 11. September von zahlreichen Islam-Experten die pauschale Mahnung wieder aufgewärmt, bloß nicht dem "Feindbild Islam" zu verfallen. Der Terrorismus, so heißt es stereotyp, habe mit dem authentischen islamischen Verständnis vom Dschihad nichts zu tun. Wer sich dieser Deutung nicht anschließt, erntet leicht den Vorwurf, den Islam diffamieren zu wollen. Andere deutsche Stimmen wie die Matthias Küntzels, der in seinem jüngst erschienenen Buch Dschihad und Judenhass über den engen Zusammenhang von Islamismus und Antisemitismus aufklärt, sind selten.

Zu Recht wurde kürzlich in der Jüdischen Allgemeinen beklagt, dass man in Deutschland von der "antisemitischen Dimension des 11. September wenig sehen oder gar nichts wissen" wolle. Doch erst wenn die deutsche Öffentlichkeit dieser Bedrohung in angemessener Weise entgegentritt, wird man davon sprechen können, dass sie die Lehren der deutschen Vergangenheit wirklich verstanden hat.