Schrecklich verschrumpelt saß die Leiche auf den Treppenstufen zum Berliner U-Bahnhof Klosterstraße. Ihre Haut war vergilbt, die Haare leuchteten rot. "Die ist nicht erst gestern gestorben", stellte damals, 1986, der Gerichtsmediziner in der Charité fest. "Eher vor 200 oder 300 Jahren." Wer die alte Dame auf einen Ausflug in die Neuzeit mitgenommen hatte, blieb ungeklärt. Wo aber die Spaßvögel die "Rote Else" – so lautete fortan ihr Name in der Öffentlichkeit – entführt hatten, ließ sich herausfinden: aus der Gruft unter der Parochialkirche, unweit des Alexanderplatzes.

"Ich habe gehört, sie habe das Neue Deutschland in Händen gehalten", erzählt Andreas Ströbl, der sich heute als Kunsthistoriker an der Erforschung der Gruftgewölbe beteiligt. Die Rote Else ruhte hier nicht allein. In mehr als zwei Dutzend Grabkammern steht Sarg an Sarg. Die meisten der Toten in den Kisten sind mumifiziert. Ströbl wundert sich, wie die Diebe 1986 die Mumie aus der Gruft herausschleppen konnten. "Alle Särge standen damals im nördlichen Gewölbeteil, und der war seit den siebziger Jahren zugemauert."

Stauraum war damals knapp in Ost-Berlin; der gewonnene Platz diente als Möbellager. Auch glaubte man mit dem Mauerbau einem unseligen Treiben ein Ende gesetzt zu haben. Denn seit die um 1700 erbaute Parochialkirche im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen worden war, wurde die Gruft immer wieder heimgesucht. "Und das waren nicht die Russen", sagt Ströbl. Jugendliche stiegen hinab, um das Gruseln zu lernen. Leichenfledderer stemmten mit Brechstangen die Särge auf und schlitzten auf der Suche nach kostbaren Grabbeigaben nicht nur die Handschuhe der Toten auf. Und dann waren da noch jene Medizinstudenten, denen ihr Professor empfohlen hatte, sich hier mit "Material" zu versorgen. 25 Toten wurde der Schädel abgerissen. Einige Reuige brachten zwar ihre im Labor fein säuberlich mazerierten Sezierobjekte zurück, irrten sich jedoch bei der Zuteilung. Mancher Kopf fand sich nach der Rückgabe auf den falschen Schultern wieder.

Als Arbeiter Mitte der neunziger Jahre die Wand durchbrachen, sahen sie ein Bild des Grauens: Zwischen Unmengen von Schutt türmten sich Särge bis unter die Decke. Viele waren zu Bruch gegangen, ihr Inhalt zusammen gekippt. Unter manchem Deckel lagen drei, vier Leichen, die sich ineinander verhakt hatten. Was sollte man tun? Alles rausschaffen, die Toten begraben, den Spuk beenden? Schon träumten die Kirchengemeindemitglieder von einer lauschigen Weinstube, die sich anstelle des Leichenkellers einrichten ließe. Oder sollte man vielmehr ein Sepulkralmuseum eröffnen und die Toten zur Schau stellen? Ins brandenburgische Kampehl fahren die Touristen schließlich auch in Scharen, bloß um zu gucken, wie der Ritter Kahlbutz in seinem Sarg liegt, mit nichts als einem weißen Tuch um die Hüften.

Heute ist der gröbste Dreck beseitigt. Die rund 140 Särge sind auf die Grabkammern verteilt. Wer hinabsteigt und an kaum mannshohen Türen vorbeischreitet, durch deren Latten die im Dunkeln ruhenden Särge zu erspähen sind, den mag mit der kalten Zugluft mancher Schauder anwehen. Mehr noch beeindruckt die tiefe Würde des Orts. "Die Kirche hat sich besonnen. Schließlich ist die Gruft noch immer geweihter Boden", sagt Karin Wagner vom Landesdenkmalamt Berlin. Auf ihre Anregung hin wurden die Weinstubenpläne gestrichen und eine interdisziplinäre Wissenschaftlergruppe eingesetzt, die nun dokumentiert, welcher Schatz hier ruht.

Noch im ausgehenden Mittelalter ließ sich, wer Rang und Namen hatte, in den Kirchen beerdigen. Irgendwann waren die voll, und bei jeder neuen Bestattung stieß man auf alte Knochen und halb verweste Leichen – das war nichts für feine Nasen. Deshalb baute man Gruftgewölbe. "Es ist die ganze Kirche unter der Erde durch und durch gewölbet", berichtet ein historischer Reiseführer über die Parochialkirche, "so dass 30 besondere Gewölbe zur Beisetzung vornehmer Leute verfertigt wurden." Reformierte Gemeindemitglieder erstanden für 50 Taler einen Platz "bis in alle Ewigkeit"; komplette Kammern kosteten 400 Taler – heute wären das 40000 Euro.

Winterleichen halten länger

Die "vornehmen Leute" blieben nach dem Tod unter sich. Der Kammerherr des ersten Preußenkönigs FriedrichI., Reichsgraf Johannes Kolbe von Wartenberg, ruhte hier und Geheimrat Muzel, Leibarzt des Alten Fritz. Vermutlich sollte das ausgeklügelte Belüftungssystem – jede Kammer besitzt drei Fenster, davon eines nach außen – nur die Verwesungsgerüche reduzieren. Das gelang besser als geplant. Es kam zu keiner Verwesung. "Die ständige Zugluft, begünstigt von einer konstant niedrigen Temperatur, trocknet die Körper aus", erklärt die Anthropologin Bettina Jungklaus. "Die Haut wird gelbbraun und schmiegt sich wie Pergament um die Knochen."

Die Mumifizierung förderte auch der Umstand, dass der Leichnam mit einer Essiglösung gewaschen und auf Eichenspäne gebettet wurde, die die Körperflüssigkeit rasch abfließen ließen. "Aber im Prinzip reicht Zugluft", sagt Bettina Jungklaus und hebt einen Sargdeckel an. Dort liegt eine Katze, die irgendwann ihre letzte Zuflucht beim 1715 verstorbenen Münzkommissar Lorenz Christoph Schneider nahm. Auch sie ist mumifiziert. Der Mumifizierungsgrad kann aber variieren: Eine gut erhaltene Haut deutet auf eine Beisetzung im Winter hin; hat die Zersetzung begonnen, lag die Bestattung im Sommer. "Dann sind die Löcher der Fliegenmaden zu sehen."

In 110 geöffneten Särgen untersuchte die Anthropologin 87 Tote. Die 31 geschlossenen Kisten sind tabu. Zerstört wurde schon genug. Auch der Inhalt der geöffneten Särge bleibt unangetastet. So beurteilt Bettina Jungklaus Alter, Geschlecht und Größe der Toten nach dem Augenschein. Das gilt auch für pathologische Veränderungen. Wo das Skelett sichtbar ist, sind oft Arthrosen zu entdecken. Auch Knochenporositäten bei Kindern, vermutlich die Folge einer Vitamin-C-Anämie, fallen auf. Der Befund überrascht, handelt es sich doch um Angehörige der Berliner Oberschicht.

Die Toten tragen kostbare Gewänder. Haarkämme, Handschuhe, Blumen schmücken sie. Selbst ein Mokkatässchen mit Akanthus-Zier findet sich. Ob aber eine kleine Glocke das Lieblingsstück einer Toten war oder diese davor bewahren sollte, scheintot bestattet zu werden, kann kaum noch entschieden werden. Das gilt auch für die Bänder, die in vielen Särgen über die Toten gespannt waren. "Die Frau ist im Sarg wieder aufgewacht und hat verzweifelt an den Deckel geklopft. Das Erbe war aber bereits verteilt, da band man sie im Sarg fest", erzählt man in Illmersdorf bei Cottbus über einen ähnlichen Fund. Wahrscheinlich dienten die Bänder bei der Überführung der Leichen schlicht als Transportsicherung; allenfalls ein symbolisches Zugeständnis an die Wiedergänger-Ängste der Zeit mag die Archäologin Blandine Wittkopp in ihnen sehen. Die Särge waren schließlich fest verschraubt.

Frühes Ende der Ewigkeit

Andreas Ströbl, der eine Sargtypologie erarbeitet, ist immer wieder hingerissen von deren Formenreichtum: "Vom schlichten Kastensarg über tonnenschwere Steinsarkophage bis zum mit rotem Damast bespannten Prunksarg ist alles zu finden. Manche Griffe sind sogar vergoldet." Wozu betrieb man diesen Aufwand? "Ich habe vorgestern das Gewölbe bei der Parochialkirche besucht", ist in einem Brief aus dem Jahr 1778 zu lesen, der sich im Kirchenarchiv fand. "Dieser Nachmittag gehört unter die ehrwürdigsten meines ganzen Lebens. Was stehen da für Särge? Hier einer mit rotem Sammet und silbernen Büscheln, oben darauf ein einförmiger schwarzer." War dieser Besucher eine Ausnahme? Ströbl zeigt auf einen Sarg mit Guckloch, eine passende Glasscheibe fand sich auch. Diente es nur für ein letztes Ade vor der Bestattung, oder sollte es dem regelmäßigen Besucher ein stetes Memento mori sein? Die Forscher wissen es nicht. "Zumindest kennen wir die Geschichte eines Mannes", erzählt Ströbl, "der Tag für Tag herkam und weinend über dem Sarg seiner Ehefrau zusammenbrach."

Den historischen Personenkreis, der hier seine letzte, oft gestörte Ruhe suchte, rekonstruiert Daniel Krebs. 556 Bestattungen fand der Historiker in den Kirchenbüchern. In einer Datenbank erfasst er die Verwandtschaftsverhältnisse. Die Mitglieder der reformierten Gemeinde kamen meist als Glaubensflüchtlinge nach Berlin, wo sie rasch zu Amtsträgern am Königshof aufstiegen: Vom Hofbäcker bis zum Wirklich Geheimen Rat liegt unter der Parochialkirche alles, was dem Regenten diente. Doch die ewige Ruhe war nicht allen beschert: War die Gruft voll, bekam der Totengräber Arbeit. Bei Nacht und Nebel musste er auf dem Kirchhof die Toten beerdigen, die keine Angehörigen mehr hatten. Damit die Einnahmen der Kirche nicht versiegten, endete die Ewigkeit ein bisschen früher.

Von den Bestattungen verblieb letztlich nur ein Viertel da unten. Nur manchmal gelingt die Identifizierung einer Mumie: Den Sarg 23/3 mit seiner wuchtigen, profilierten Form datiert Andreas Ströbl in die Mitte des 18. Jahrhunderts – eine Beobachtung, die Blandine Wittkopp stützt: Das Kostüm der Toten ist aus goldfarbener Atlasseide und besitzt ein tief ausgeschnittenes Dekolleté, wie es in jener Zeit en vogue war. Bettina Jungklaus taxiert die weibliche Leiche auf ein Alter von 20 bis 30 Jahren. Da sich am Sarg eine Markierung erhalten hat, die das Erbbegräbnis der Familie von Grappendorf als ursprünglichen Standort ausweist, konnte Daniel Krebs zwei junge Frauen dieses Namens in den Akten entdecken. Die eine starb im Juli 1748, die andere im November 1753. Unversehrt wie die Frauenmumie ist, lüftet sich das Geheimnis: Die Dame im goldenen Kleid ist die in kalter Jahreszeit im Alter von 24 Jahren verstorbene Baronin Louise Albertine von Grappendorf.

Mit dem Namen hat sie ihre Würde wiedererlangt. Die Dokumentation ist nun abgeschlossen. Da Grüfte anderswo meist schon im 19. Jahrhundert durch das Begraben der Toten "purifiziert" wurden, steht der kulturgeschichtliche Rang der Berliner Gruft außer Frage. Kirche und Denkmalpflege sind sich einig: Die Gruft bleibt Gruft. Nur an besonderen Tagen soll sie für Interessierte geöffnet werden. Zunächst sind aber drängende Probleme zu bewältigen. Särge drohen zu zerbrechen. Noch immer liegen Tote übereinander, verbirgt kein Deckel die von Räubern geschändeten Körper. Aber wenn man Särge repariert, Leichen separiert, dann stört man erneut die Ruhe der Toten. "Es ist eine schwere Entscheidung", sagt Christian Hammer, der im Auftrag der Kirche das weitere Vorgehen koordiniert. "Soll man die Toten nach all den schlimmen Heimsuchungen nun endlich ruhen lassen, oder kann man sie gerade so nicht ruhen lassen?" Ist es nicht paradox, einen Ort der Vergänglichkeit bewahren zu wollen?

Das ethische Problem verschärft sich noch: Die Bestattungen sind – während der Vermauerung fehlte die Luftzirkulation – in hohem Grad von Bakterien und Pilzen befallen. Manche Arten, etwa der Schimmelpilz Aspergillus flavus, besser bekannt als "Fluch des Pharao", können Menschen gefährlich werden. "Ginge es nur um das Holz, ließen sich die Särge in der Bundesanstalt für Materialforschung begasen", sagt Karin Wagner. "Aber die Kirche hat entschieden, dass kein Sarg die Gruft verlassen soll."

Mit der AG Geomikrobiologie der Universität Oldenburg wird nun diskutiert, ob der Pilzbefall mit physikalischen Methoden, beispielsweise durch Mikrowellen, bekämpfbar ist. Denn die 31 unberührt gebliebenen Särge sollen auf keinen Fall geöffnet werden, in ihrem Innern aber bergen sie womöglich die größte Gefahr. Eile ist geboten, doch die Pietät verlangt ein sorgfältiges Abwägen aller Möglichkeiten mit den jeweiligen Konsequenzen. Nicht, dass man, wie Andreas Ströbl zu bedenken gibt, am Jüngsten Tag zur Rede gestellt wird: "Was war denn damals mit Sarg 17/3? Ging das nicht ein bisschen holterdiepolter?"