Ein ganz normales Raumfahrerproblem: Kugelschreiber sind im All nutzlos, denn in der Schwerelosigkeit fließt die Tinte nicht. Die amerikanische Lösung sieht so aus: Die Nasa entwickelt in den sechziger Jahren den mit einer Gasdruckmine versehenen space pen, der im All ebenso wie unter Wasser oder bei über 100 Grad schreibt – und mehr als 50 Dollar pro Stück kostet. In Russland packen die Kosmonauten einfach ein paar Bleistifte ein – die schreiben auch in der Schwerelosigkeit.

Das Beispiel ist typisch für den Unterschied zwischen amerikanischer und russischer Raumfahrt. Während im ehemaligen Ostblock möglichst simple Lösungen für technische Probleme gesucht werden, wird bei der Nasa schon die Entwicklung eines Schräubchens zu einem "Vorgang" mit großen Konzepten, Berichtswesen und vielen Dokumenten. Kein Wunder, dass ein Flug des amerikanischen Space-Shuttle mit über 400 Millionen Dollar zu Buche schlägt – während der Start einer russischen Sojus-Kapsel schon ab 20 Millionen Dollar zu haben ist. Dennoch hat es in der russischen Raumfahrt seit über 30 Jahren keinen tödlichen Unfall mehr gegeben.

"Da quietscht und stinkt vielleicht manches – aber es funktioniert", sagt der Sprecher des europäischen Raumfahrtkonzerns Astrium, Mathias Spude. Einen Grund für die Zuverlässigkeit der Sojus-Kapsel sieht er darin, dass diese noch immer nach dem gleichen Prinzip gebaut wird wie der legendäre Sputnik Wostock, in dem Jurij Gagarin vor über 40 Jahren die erste Erdumrundung gelang. Derweil arbeitet die Nasa an der fünften Neukonzeption ihrer Raumfahrttechnik.

"Die Amerikaner wollen das Rad ständig neu erfinden", sagt Josef Kind, Vorstandsmitglied des Astrium-Konzerns, "dabei betreiben sie einen Aufwand, den wir uns nicht leisten könnten." Das war vor einigen Jahren noch ganz anders. Da galt die russische Technik als veraltet. Die Westeuropäer nahmen sich die teure technische Perfektion der Nasa-Geräte zum Vorbild. Doch nicht erst seit dem Columbia- Absturz finden Josef Kind und seine Kollegen Gefallen an der robusten Zuverlässigkeit der russischen Raumfahrt.

Besonders bei der Internationalen Raumstation ISS, die von Westeuropa, Kanada, Japan, Russland und den USA gemeinsam betrieben wird, prallen die unterschiedlichen Raumfahrtphilosophien aufeinander. Astrium-Chef Kind lässt keinen Zweifel daran, welche der beiden Seiten ihm sympathischer ist: "Die Zusammenarbeit ist mit den Russen erheblich einfacher." Vor allem seit dem Amtsantritt der Bush-Regierung sei die Kooperation mit den USA kompliziert geworden. Selbst das kleinste technologische Kooperationsprojekt müssen in Washington Wirtschafts- und Verteidigungsministerium genehmigen. Und amerikanische Technik wird den europäischen Partnern grundsätzlich nicht mehr zur Verfügung gestellt. Schon hat es bürokratische Probleme mit der Lieferung amerikanischer Ersatzteile für die Ariane-Rakete gegeben.

Auch wenn die Verständigung manchmal nur per Dolmetscher funktioniere, komme man mit den Russen schneller auf eine gemeinsame Wellenlänge als mit den Englisch sprechenden Kollegen von der anderen Seite des Atlantiks. "Mit ein paar Strichen auf der Serviette haben wir uns noch immer verstanden", sagt Horst Holsten, im Bremer Astrium-Werk für den Bau der Ariane-Oberstufe verantwortlich.

Die Westeuropäer wollen nicht nur von der technischen Zuverlässigkeit, sondern auch von der wirtschaftlichen Flexibilität der russischen Raumfahrt profitieren. Hat sie sich doch mit dem Weltraumtourismus neugieriger Millionäre eine neue Einnahmequelle erschlossen. Könnte man nicht, fragten deutsche Raumfahrtingenieure, als sie vor einigen Monaten mit russischen Kollegen im Bremer Ratskeller zusammensaßen, gemeinsam Kurzausflüge ins All vermarkten? Was zunächst ein Gedankenspiel war, wurde bald zu einem Plan. Aus Russland kam postwendend die Idee, das Militärflugzeug MiG-31, das auf bis zu 25 Kilometer Höhe steigen kann, so umzubauen, dass 10 bis 15 Touristen damit auf dem Flug nach Mallorca eineinhalb Minuten Schwerelosigkeit und einen Blick auf die runde Erde erleben können. "Und wenn die Russen sagen, dass das geht, dann geht das auch", ist Josef Kind überzeugt.

Auch für die Nutzung des europäischen Weltraumbahnhofs im südamerikanischen Kourou bahnt sich eine Kooperation an. Denn seit Auflösung der Sowjetunion liegt der traditionelle russische Raketenstartplatz Baikonur im kasachischen Ausland. Außerdem benötigt der Transport von Satelliten auf eine geostationäre Umlaufbahn umso weniger Energie, je näher die Startposition am Äquator liegt. Unter diesem Aspekt ist Französisch-Guayana allen anderen Raketenbahnhöfen weit überlegen. Über die Kosten für eine Startrampe für die russischen Sojus-Raketen in Kourou wird gerade zwischen Frankreich, den Esa-Mitgliedern und Russland verhandelt. Kommt es zu einer Einigung, könnte sich Westeuropa sogar für die bemannte Raumfahrt von der Nasa unabhängig machen. Kaum hat er diesen Gedanken ausgesprochen, fügt Astrium-Sprecher Spude schnell noch hinzu: "Das ist natürlich reine Spekulation." Dirk Asendorpf