Obwohl ich in meinem Leben viel gereist bin, weiß ich nicht, was mich in Deutschland erwartet. Nur einmal, auf der Durchreise von Holland nach Belgien, konnte ich ein paar flüchtige Eindrücke sammeln: In Köln waren alle Banken geschlossen, und die Polizistinnen sahen wie Mannequins aus. Eigentlich hatte ich bisher immer nur positive Eindrücke von Deutschland. Als Kind besaß ich einen Staedtler-Stift und war ungeheuer stolz darauf. Als Erwachsener hat mich immer die Aufrichtigkeit der Deutschen beeindruckt. Im Gegensatz zu den Japanern haben sie zugegeben, was sie in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Sie stehen zu den negativen Ereignissen in ihrer Geschichte. Das finde ich gut.

Deutschland hat eine große kulturhistorische Vergangenheit. Alle chinesischen Kinder kennen zum Beispiel die Gebrüder Grimm. Auf der Reise hoffe ich Sachen zu sehen, die ich in meinem Heimatland nie zu sehen bekäme. Nicht nur die Berliner Mauer, sondern auch Alltägliches. Stimmt es, dass man sich in Deutschland auf die Straßen setzen kann, ohne sich schmutzig zu machen? Kann man wirklich ohne Gedränge in einen Bus einsteigen? Obwohl ich kein Biertrinker bin, würde ich gern einmal sehen, wie die Frauen im Münchner Hofbräuhaus die Unmengen von Bierkrügen herumtragen.

Es geht mir bei dieser Reise nicht zuletzt um eine neue Freiheitserfahrung. Als Intellektueller wurde ich in der Kulturrevolution verachtet, musste Schimpf und Schande ertragen. Damals war nicht daran zu denken, mit Ausländern überhaupt zu sprechen. Heute kann ich mit Ihnen nicht nur offen sprechen, sondern auch in Ihr Land reisen. Dieses Heute ist wichtiger als das Gestern, so wie das Morgen wichtiger ist als das Heute. Lassen wir also die Geschichte in Ruhe! Schon jetzt fühle ich mich in China freier als je zuvor. Genau dieses Gefühl trägt mich nach Deutschland.