Dschibuti/Mombasa

Auf dem Achterdeck der Patiño scheint an diesem Spätnachmittag der Westen noch Wirklichkeit zu sein. Temperatur: mindestens 35 Grad. Gefühlte Luftfeuchtigkeit: 100 Prozent. Unter den Schirmmützen und Schiffchen perlt der Schweiß. Doch die 400 Offiziere, Matrosen, Diplomaten und Honoratioren verharren reglos, wie es das Protokoll bei diesem bedeutenden Anlass verlangt: Der spanische Befehlshaber der maritimen Antiterror-Mission am Horn von Afrika, Combined Task Force(CTF)-150, übergibt das Kommando an einen italienischen Admiral.

Daheim wird in den folgenden Tagen viel Porzellan zerschlagen. Im UN-Sicherheitsrat fordern die USA und Großbritannien solo den Waffengang nach Bagdad. "Alte" und "neue" Europäer zerstreiten sich in EU und Nato; und Gerhard Schröder führt in der Sackgasse des Deutschen Wegs einen Veitstanz auf. Hier im Hafen von Dschibuti aber zelebrieren Italiener, Spanier, Deutsche, Franzosen, Briten und Amerikaner das Koalitions-Hochamt. Gleißend in Weiß erscheint zum Schluss gar Admiral Thomas Keating, Kommandeur der 5. US-Flotte in Bahrain und Oberbefehlshaber im Antiterror-Seekrieg: Er erteilt den Anwesenden seinen militärischen Segen und entschwebt unter Rotorenrauschen in die Dämmerung. Auf dem spanischen Schiff konzentrieren sich unterdessen die Europäer auf die Häppchen und die Malariamücken auf die Europäer.

Für die deutsche Marine steht bei diesem Einsatz, der vor über einem Jahr begann, am meisten Reputation auf dem Spiel. Ihr Beitrag ist ein wenig geschrumpft: von drei Fregatten auf eine, von vier Versorgern auf einen, von vier Hubschraubern auf zwei, von 1400 Soldaten auf 560; die drei Flugzeuge sind geblieben, die fünf Schnellboote aber und das Messfahrzeug liegen mangels Klimatisierung wieder im vereisten Heimathafen. Dennoch ist dies die größte Mission der Marine seit fünfzig Jahren, und mit offiziell rund 226 Millionen Euro für 2002 gewiss auch die teuerste.

Die kleinste Teilstreitkraft möchte endlich auch einmal zeigen, was sie kann. Auftrag der CTF-150 ist die Überwachung des Arabischen Meers und der Gewässer um das Horn von Afrika: den Terroristen sollen Fahrt- und Nachschubwege zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel abgeschnitten werden. Die Schiffe der Deutschen fahren zwischen dem Südende des Sueskanals und der Spitze des Horns; ihre Aufklärungsflugzeuge patrouillieren vom kenianischen Mombasa aus entlang der Ostküste Somalias. Sie arbeiten ihre Planquadrate mit hingebungsvoller Gründlichkeit ab, allen widrigen Umständen und dem einen oder anderen leisen Zweifel zum Trotz. Uneingeschränkte Solidarität eben.

Alte Dame mit Biss

Die Bréguet Atlantic ist mit 35 eine alte Dame, aber eine mit Biss. Das zweimotorige Aufklärungsflugzeug der Marine kann in einer Minute von 1000 auf 100 Meter hinabstürzen – und dann so langsam über ein Schiff hinwegfliegen, bis die Männer in der gläsernen "Nase" unterhalb der Pilotenkabine sowie hinten an den Bullaugen back- und steuerbords alles fotografiert haben. Der taktische Offizier nimmt Funkkontakt auf, fragt nach Herkunftsland, Heimat- und Zielhafen, Ladung. (Die Informationen gehen aber erst abends per E-Mail nach Bahrain – das einzige Echtzeitkommunikationsmittel an Bord ist das Mikrofon des Funkers.) Weiter! Knapp neun Stunden dauert der Flug, 7 Schiffe werden an diesem Tag abgefragt, einige sind alte Bekannte; drei antworten, die anderen sind einheimische Dhows, haben weder Namen noch Radio. Contacts of interest, also verdächtige Schiffe: nur zwei, im Hafen von Mombasa.

Ein langsamer Tag; so ist es meist. Kein Vergleich mit der U-Boot-Jagd, für welche die Bréguet im Kalten Krieg konzipiert wurde und die die Crews noch immer regelmäßig üben. Aber Terroristen mit UBooten gibt es nur im Film. So fliegen die Deutschen Streife, die Küste hinauf und hinab. Wenn’s zu fad wird, lesen sie dabei alte Krimis. Dennoch: Die Arbeitstage sind lang, mit stundenlanger Vor- und Nachbereitung in der drückenden Schwüle von Mombasa. Und nicht ungefährlich. Die Attentäter, die im Dezember ein israelisches Hotel in die Luft sprengten, verfehlten kurz darauf um Haaresbreite mit ihrer Boden-Luft-Rakete einen startenden Touristenjet. Fünf Minuten zuvor war eine Bréguet vom selben Platz losgeflogen.