Den Scheitel zieht er immer links, ziemlich weit unten, kurz über dem Ohr. "Ist ja nicht viel mit Frisur, man ist froh, wenn sie still halten", Aber nicht zu kurz, hat die Mama gesagt, bevor sie ihren Filius auf den Stuhl setzte, dunkelrotes Leder, ein Pferdekopf und ein Schweif aus Stahl. Der Sohn ist noch nicht drei und trägt einen riesigen Schnuller. Die Mama setzt sich ihm gegenüber, Kind und Frisör fest im Blick, dann nickt sie dem Barbier kurz zu und greift in ihre Handtasche. Der Frisör klappert mit der kleinen Schere. Er klappert immer, das ist so ein Trick von ihm, auch wenn die Schere gar nicht schneidet, hält er sie immer in Bewegung. Damit gibt er der Schere ein Eigenleben. Wie ein Kolibri umflattert sie den Kinderkopf, klappklippklapp schlagen die Winzigflügel, gleich fällt das Kind in Trance. Es saugt an seinem Schnuller, kriegt einen Blick, flatterig wie die Kolibrischere. Und sagt keinen Piep.

Das Radio plärrt, ein uralter schwarzer Kasten hoch oben über dem großen Aluminiumspiegel. Die Mama redet mit Sabrina. Es geht um die Nebenkosten in einem Wohnpalazzo an der Via Tiburtina hier in Rom. Für die Heizung wollen sie viel zu viel, sagt die Mama, was Sabrina antwortet, kann man nicht hören, denn die Mama spricht in ein kleines, silberfarbenes Handy. Wenn das Radio lauter wird, erhebt sie auch ihre Stimme, manchmal fährt sie den Zeigefinger aus und wedelt damit hin und her, dann weiß der Frisör: hier nicht weiterschneiden.

Das Telefongespräch und der Haarschnitt dauern exakt zwölf Minuten. Das Kind hat sich die weiche Bürste gegriffen, mit der der Frisör ihm die Haare aus dem Kragen gefegt hat. Komm schon, gib her, sagt der Frisör. Das Kind plärrt ein bisschen. Die Mama lässt das Handy zuklappen und stemmt ihren Sohn vom Stuhl. Bravo, gut hast du das gemacht, amore mio, jetzt gib dem Signore die Bürste, bravo. Macht 12 Euro. Als sie hinausgegangen sind, sagt Salvatore Caruso, dass früher die Mütter mehr Zeit hatten für ihre Kinder. Dass er es ja gewöhnt ist, sich sozusagen ständig im Zentrum eines fatalen Beziehungsdreiecks zu befinden, "und man selbst ist froh, wenn am Ende bloß die Haare kürzer sind und man keinem ins Ohr geschnitten hat". Ein ewiger Spagat also.

Aber jetzt kommt fast immer ein unsichtbarer Vierter hinzu, der Gesprächspartner am telefonino, das fast alle Mütter unweigerlich aufklappen, sobald ihr Kind auf dem Pferdestuhl Platz genommen hat. Und die Zeitnot. "Die haben alle einen Terminkalender wie der Präsident der Republik." Kinderfrisör, das ist ein Beruf in Italien. Noch. In Rom arbeiten gerade mal zwei, es gibt ja immer weniger Kinder. Italien hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt, und an Werktagen kann man Stunden durch die bürgerlichen Viertel der Kapitale streifen, ohne ein einziges Kind zu treffen. Wenn man ein Kind sieht, ist es nie allein, egal, ob es drei ist oder acht oder zwölf. Die Eltern trauen sich nicht, ihre Kinder allein auf die Straße zu lassen, weil die Autofahrer sehr ungern vor einem Zebrastreifen halten. Keine Zeit. Carusos Salon liegt an der Via Ravenna, früher befand sich Mussolinis Residenz um die Ecke, und im Viertel stehen lauter riesige Häuser aus der Zeit des Faschismus. Den Kindersalon gab es damals auch schon; die Einrichtung stammt aber aus dem Jahr 1951. Eine kleine Madonna in der Wandnische, niedrige Kindersessel, ein Mickymausbild mit schwarzen Streifen von der Heizungsluft, der Pferdestuhl, die Rotkäppchenpuppe neben Bürsten, Kämmen und Haarwässerchen in der Vitrine.

So sah es auch schon aus, als Salvatore Caruso nach Rom kam, 1965. Da war er 21 Jahre alt, aus Biancavilla, einer Kleinstadt an den Hängen des Ätna. Mit elf hatte er angefangen, im Frisörladen seines Vetters Ciccio. Mit 19 war er in der Schweiz, als Fabrikarbeiter. Nach Feierabend: Haareschneiden. Und in Rom wollte er als barbiere arbeiten, "Herren, das hatte ich ja gelernt". Es wurden aber Kinder, nur Kinder vom Säuglings- bis zum Teenageralter, fast alles Jungen, denn die meisten Mädchen gehen mit Mama zum Damenfrisör.

Stufenschnitt, Bürstenschnitt, Scheitel immer unten links. Er muss Kinder lieben, denkt man im ersten Moment. Aber vielleicht kann er sie ja auch längst nicht mehr leiden, denkt man im zweiten, kann Kinder nicht mehr ertragen und das Gezerre um ihre Frisur. Caruso, der Kinderfrisör, ist da ganz neutral. Ganz sachlich. Übers Haar streichen und dabei rufen: Che bello!, wie schön, solcherlei Anbiederung fällt ja bei ihm aus. Er arbeitet am Kind wie andere an der Karosserie. Kennt Kniffe und Defekte. "Diese plötzlichen Bewegungen, da muss man aufpassen. Beim Ponyschneiden halte ich immer das Kinn fest, damit sie sich nicht wegdrehen können. Hinterm Ohr schneide ich einen großen Bogen, bloß nicht zu nah ran. Und wenn sie schreien, werde ich auf einmal laut. Geheimtipp, klappt fast immer. Da sind sie wie erstarrt. Haarewaschen geht fast nie. Sie haben zu viel Angst. Manchmal denke ich, die Eltern drohen ihren Kindern: Wenn du nicht brav bist, gehen wir morgen zum Frisör."

Das sind so Gedanken, die behält er lieber für sich, genauso wie er schweigt, wenn eine Familie hereinkommt, ohne zu grüßen, betont unpersönlich, wie man eben Dienstleistern begegnet. Dabei weiß Caruso, dass er sich als Figur, vielleicht auch als Bedrohung, jedenfalls in den Köpfen der Kinder fest verankert. An Weihnachten denkt er darüber nach, warum sein Nachbar, der Damenfrisör, Berge von Geschenken im Laden stehen hat. Ihm hat noch nie jemand etwas geschenkt. Warum? "Na, sind eben nur Kinder." In zwei, drei Jahren will er den Salon schließen, ein Nachfolger findet sich partout nicht.

Mit der Kundschaft schwatzt er nie. Außer über Fußball. "80 Prozent sind für den AS Rom", seufzt Caruso. Er selbst ist für Lazio, wie 90 Prozent der römischen Frisöre. Letztes Jahr verlor Lazio gegen den AS Rom im Derby 1:5. Am Tag danach feierten 10000 romanisti am Kolosseum. Caruso haben sie eine Uhr gebracht, in den AS-Farben Gelb und Rot. Er hat sie aufgehängt, über dem Alu-Spiegel. "Die Farben", sagt er nachsichtig, "verblassen langsam." Wie er selbst verblassen wird, in den Erinnerungen von Erwachsenen, den Eltern seiner Kunden, die den Scheitel immer noch unten links tragen und vielleicht irgendwann ihren Kindern erzählen werden: "Das war schon immer so. Ich hatte nämlich als Kind meinen eigenen Frisör, einen barbiere dei bambini, wie es ihn damals noch gab in Rom. Er hieß Salvatore Caruso."