Stolz ließ der Präsident den Beweis seiner Vitalität in den Medien vermelden. George W. Bush, so war in der New York Times zu lesen, erfreue sich bester Gesundheit. Das werde insbesondere durch sein niedriges CRP belegt. CRP? Das C-Reaktive-Protein, erfuhr der Leser, sei ein Blutwert, der präzise Auskunft über das präsidiale Herzinfarktrisiko gebe. Auch das gemeine amerikanische Volk ist inzwischen vom Nutzen dieser Untersuchung überzeugt: Hunderttausende lassen vorsichtshalber ihren CRP-Blutwert bestimmen – und das, obwohl die wissenschaftliche Diskussion über den Nutzen noch gar nicht abgeschlossen ist. Weg zum Infarkt: (1) Cholesterinpartikel (gelb) dringen in die Gefäßwand ein (2) Sie werden von Immunzellen gefressen (3)Diese können zu viel Cholesterin nicht verdauen, sie lagern sich ab. Darüber bildet sich eine Faserkappe (4) Entzündungen lassen die Kappe einreißen, fett quillt in das Blutgefäß. Ein Blutpfropf entsteht

An Deutschlands Stammtischen hat man gerade erst gelernt, dass zu viel Cholesterin im Blut die Gefäße verstopft und auf diese Weise schließlich einen Herzinfarkt verursacht. Das war so simpel wie einleuchtend. Jetzt warnt der US-amerikanische Herzspezialist Paul Ridker, die altbekannte Cholesterinbestimmung sei für die akkurate Berechnung eines Herzinfarktrisikos völlig unzureichend. Nicht das überbordende Cholesterin zerstöre die Gefäße, sondern schwelende Entzündungen – und die würden mittels CRP im Blut nachgewiesen. 25 bis 30 Millionen Amerikaner würden nicht richtig therapiert, sagt Ridker, "weil wir die Entzündung nicht beachten".

Mit dem Buchstabenkürzel flammt auch die Diskussion um eine alte These des deutschen Pathologen Rudolf Virchow wieder auf. Dieser befand schon 1853, die Verkalkung der Arterien sei die späte Folge einer chronischen Entzündung. Das wird jetzt wieder ernst genommen. "Noch vor fünf Jahren wurde man ausgelacht, wenn man CRP und Herzinfarkt in einem Atemzug nannte", sagt der Kardiologe Wolfgang König, Ridkers Weggefährte von der Universität Ulm. Das hat sich spätestens seit dem vergangenen Jahr, seit Ridker in einer großen Studie 28000 Frauen untersuchte, gründlich geändert. Denn unter allen Labordaten vermochte der CRP-Wert am besten vorherzusagen, wie infarktgefährdet ein Mensch war. Das galt auch dann, wenn Cholesterinwerte, Taillenumfang und Blutdruck im Normbereich lagen und damit eigentlich Entwarnung signalisierten.

Mitte Januar hob das Deutsche Ärzteblatt das C-Reaktive-Protein auf den Titel, und am Dienstag vorvergangener Woche erhielt die Nachweismethode in den USA die höheren Weihen. Im Fachblatt Circulation empfahlen die amerikanische Gesundheitsbehörde Centers of Desease Control und die American Heart Association den begrenzten Einsatz: Erstmals seit 20 Jahren wurde damit offiziell ein neuer Blutwert zur Abschätzung des Herzinfarktrisikos eingeführt.

Akribisch ist in den amerikanischen Empfehlungen aufgelistet, bei wem das CRP bestimmt werden soll und was einem die Daten verraten. Testkandidaten sind demnach diejenigen, denen bereits Fettwerte, Übergewicht und Rauchgewohnheiten ein Herzinfarktrisiko zwischen 10 bis 20 Prozent in den kommenden zehn Jahren bescheinigen. Diese vorbelasteten Patienten sollten schon das erste Signal einer schwelenden Gefäßentzündung als Alarmzeichen werten. Bei ihnen gilt das Infarktrisiko – vorausgesetzt, andere Entzündungsursachen sind ausgeschlossen – bereits bei einem CRP-Niveau über drei Milligramm pro Liter als verdoppelt – selbst bei unauffälligen Fettwerten. Sind die Blutfette zusätzlich entgleist, lebt der Mensch gleich fünfmal so gefährlich. Sollte dann nicht jedermann George Bushs Beispiel folgen und jährlich seinen CRP-Wert prüfen lassen?

Die Einführung eines neuen Massentests will gut bedacht sein. Noch sind die neuen Normwerte erst vorläufig festgelegt und lassen Spielraum für Interpretationen. Das kann bei Hausärzten und Patienten zur Verunsicherung führen und unnötige Therapien nach sich ziehen. Es hat auch finanzielle Folgen: Zwar könnten die Krankenkassen die Kosten von 10 bis 20 Euro pro CRP-Test angesichts des möglichen Nutzens verkraften. Doch schnell könnten durch weitere "abklärende Maßnahmen" oder voreilig verabreichte Medikamente unnötige Folgekosten entstehen. Denn in Herzensdingen wird schon heute getestet, was die Industrie hergibt: EKG, Herzkatheter, Computer- und Kernspintomografie, Fettprofil, Homocystein und Troponin – schließlich gilt es in Deutschland, die Zahl von 170000 Infarkttoten jährlich zu senken. Der Herz-TÜV ist daher seit jeher ein lukratives Geschäft.

"Beim CRP spielt ein Marketinginteresse eine ganz große Rolle", klagt der Münsteraner Lipidologe Gerd Assmann. Den Drei-Buchstaben-Test hält er für überflüssig. Dass das CRP bei verkalkten Gefäßen ansteige, sei nur die Folge eines entgleisten Stoffwechsels. Die individuellen Schwankungen des Wertes seien zu groß, und das CRP schnelle gern auch bei x-beliebigen Infektionen in die Höhe.

Am Montag dieser Woche schickte sich der Fettkundler selbst an, die Meinungshoheit in der Testfrage zu erringen. In Hamburg stellte er das Handbuch zur Prävention koronarer Herzer krankungen der hochkarätig besetzten Task Force for Prevention of Coronary Disease vor. Das Ergebnis: Mit einer Kombination von acht gängigen Faktoren – wie Alter, Geschlecht, Blutdruck, Fettwerten – könne man das Infarktrisiko bestens vorhersagen. Assmanns Daten sind aus der bisher umfangreichsten deutschen Studie zum Infarktgeschehen extrahiert worden. Sein "Risikokalkulator", im Internet erreichbar über www.chd-taskforce.de, könne "Tausenden von Menschen das Leben retten", wirbt Assmann. Passend dazu bringt Siemens eine Presseerklärung heraus, die Assmann zitiert und gleich den Nutzen eines "Multischicht-Spiral Computertomographen" (CT) anpreist.