Ein Märchen. Dass es so viel Romantik noch gibt! Thüringer Junge verliebt sich in Berlinerin, fern von Deutschland, im Urlaub, in der Türkei. Zwei Tage kennt man sich, da endet der Urlaub. Der Junge, heimgekehrt, sehnt sich das Herz aus und will nur noch zu ihr. Ja, warum denn nicht?

Weil dies kein beliebiger Junge ist, sondern Ron Spanuth, Deutschlands größtes Skilanglauf-Talent, ein Hannawald der Loipe. Die meiste Zeit des Jahres reist er um die Welt. Und plötzlich schmeißt er hin. Man stelle sich vor, Sven Hannawald, Oliver Kahn oder der unsägliche Autoraser verkündeten der Sportnation: Schluss mit Ruhm, Geld und Herumgereise, ich hab mich verliebt, ich bleib jetzt zu Hause, bei meinem Stern.

Der Reporter hat Spanuth nie laufen gesehen, nur seine Geschichte gehört. Langlauf liebt er als wintersportliche Urdisziplin. Da sind nicht Eisröhren, Schießstände, Schanzen zu bemeistern, da brettert der Nordmensch noch in Natur und jagt durch weihnachtlich verschneiten Tann – keuchend, dampfend, mit vereisten Lefzen, zum "Hepp! Hepp!" der Treiber. Die Tannen wachsen, die Generationen wechseln. Den DDR-Champs Gerhard Grimmer und Gerd-Dietmar Klause folgte, mit Abstand, der BRDist Jochen Behle. Wie aufgezogen rannte der lederne Russe Simjatow. Wuchtig kämpfte der allzeit tragische Juha Mieto, ein finnischer Rübezahl, der immer haaresbreit geschlagen wurde und dann im Wald verschwand, um ungestört zu weinen. De Zolt, Kirvesniemi, Mikkelsplass – Namen wie ewiges Eis. Erhaben lief der Schwede Thomas Wassberg, bis ihn ein junger Landsmann aus der Spur rief: Gunde Svan. Und dann kam der Fürchterling: Björn Daehli.

Der Reporter hütet, für heiße Sommerabende, ein Video des olympischen 50-Kilometer-Laufs von Nagano 1998: Christian Hoffmann, kecker Österreicher, enteilt dem Pulk und strebt der Sensation entgegen. Kurz vor Ultimo fängt ihn der Schwede Niklas Jonsson und greift seinerseits nach Gold. Doch da, da! Daehli, schon fast abgeschrieben, tobt mit selbstmörderischer Wut heran, dem Ziel so nah wie dem Zusammenbruch. Der Rasende taumelt – und siegt. Ohne Besinnung stürzt er über die Linie und bleibt reglos liegen. Gibt’s einen schöneren Tod? Helfer umgreifen den rauchenden Leib und schleppen ihn aus dem Bild. Zur Siegerehrung ist die Leiche wieder quietschfidel.

Mein Vorbild, sagt Ron Spanuth, war Björn Daehli. Obwohl ich vom Mentalen nicht im Entferntesten seine Voraussetzungen hatte, höchstens vom Talent her. Mein Problem war immer, dass ich talentiert gewesen bin.

Ein sanfter Hüne sitzt mit uns am Küchentisch einer kleinen Wohnung in Berlin-Mahlsdorf. Spanuth, 1980 geboren, stammt aus Ruhla. Als Erstklässler begann er mit nordischer Kombination: Skilanglauf und -sprung. Warum? Weil das alle Jungs aus seiner Klasse taten. Viele wechselten später zum Fußball.

Als Kind sagte er den Eltern, dass er Angst hat vorm Springen

Anfangs sei der Sport vor allem Spaß gewesen. Das Springen lag Ron mehr als der Lauf. Dann stürzte er mehrfach, bekam Angst und schwänzte das Training. Daheim erzählte er nichts, bis der Trainer fragte, wo der Junge abgeblieben sei. Wir haben’s ja auch nicht gewusst, sagt Vater Peter Spanuth, ein temperamentfreier Konstrukteur. Er ist ja immer mit seiner Sprung-Kombi losgelaufen, aber nie beim Training angekommen, sondern beim Freund, zum Spielen. Da haben wir ihn gefragt, warum er das denn so macht. Und da hat er gesagt, dass er Angst hat vorm Springen. Das ganze Gesicht war ja zerschrammt nach diesen Stürzen.