Wenn der Mann mit dem weißen Haar und der randlosen Brille seinen Schreibtischstuhl zur Seite dreht, sieht er durch die Glaswand seines Büros die Gebäude des Konzerns, dessen Geschicke er für seinen Freund lenkt. Ganz rechts das Hochhaus, das zum Wahrzeichen Offenburgs geworden ist, weiter links die Druckerei, dann die Gebäude für Redaktion und Vertrieb. Die Menschen, die dort unten über den Parkplatz laufen, sehen aus wie Spielfiguren.

Der Mann mit dem weißen Haar hat eine leichte Bräune im Gesicht, und wenn er den Telefonhörer abnimmt und einen Wunsch äußert, tut er das ruhig, fast beiläufig; er weiß, man kommt seinen Wünschen nach.

Jürgen Todenhöfer, stellvertretender Vorstandschef des Medienkonzerns Burda, ist einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. Neuerdings ist er gleichermaßen Reiz- wie auch Symbolfigur in der öffentlichen Diskussion in Deutschland.

Man glaubte, Menschen wie Jürgen Todenhöfer, 62, zu kennen.

Es sind Menschen, die nicht die Öffentlichkeit suchen, sondern andere nach vorn schieben, einen wie Focus- Chefredakteur Helmut Markwort, der durch Talkshows tingelt, damit sich den Zuschauern mit seinem Gesicht auch sein Zeitschriftentitel einprägt. Es sind Menschen, die in einer Welt leben, aus der man nur manchmal etwas erfährt; vor einigen Jahren lief ein Film im Fernsehen, der Todenhöfer im Urlaub mit Michael Jackson zeigte und wie er seinen Freund Thomas Middelhoff, damals noch Bertelsmann-Chef, nach einem Unfall beim Skifahren ins Krankenhaus fuhr.

Man kann sich irren.

Jürgen Todenhöfer, CDU-Mitglied, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror . Es ist ein Buch, in dem der Autor keinen Zweifel daran lässt, dass er die Amerikaner als Deutschlands wichtigste Freunde betrachtet. Todenhöfer will dem islamistischen Terror nicht die Tötung von fast 3000 Menschen im World Trade Center verzeihen, er will auch die Gefährlichkeit und Brutalität des irakischen Diktators Saddam Hussein nicht leugnen.

Aber ein Angriffskrieg gegen den Irak, wie ihn George Bush plant, sei nicht nur völkerrechtswidrig, sondern ein lebensgefährlicher Rückfall in eine barbarische Urzeit.

In seinem Büro sagt Todenhöfer Sätze, die fast wortgleich in seinem Buch stehen, die von ihm auch schon in Zeitungen zu lesen waren. »Es könnte sein, dass wir 30 Tage Bomben auf den Irak mit 30 Jahren Terrorismus bezahlen.« Todenhöfer ruft nach einer politischen Lösung. Man müsse verhandeln, »notfalls auch mit dem Teufel«.

Denn da sind die Opfer jedes Krieges: die Menschen. Todenhöfer erzählt Geschichten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Afghanistan und im Irak. Er prangert an, dass in Afghanistan bis zum Jahresende 2001 allein durch die Bombardierung der Städte Kunduz und Kandahar vermutlich mehr als 6000 Zivilpersonen ums Leben kamen. Und dass im Irak, wo nach Schätzungen an den Folgen der Sanktionen seit 1991 über eine halbe Million Kleinkinder gestorben seien, bei einem Angriff auf das Land Zehntausende weiterer Todesopfer zu erwarten seien. Es geht in Todenhöfers Buch darum, dass man Politik nicht allein aus macht-, strategie- oder geopolitischen Erwägungen heraus machen darf. »Wir haben nicht das Recht«, schreibt Todenhöfer, »die Moral aus der Außenpolitik zu verbannen.«

Und in dem Buch geht es auch ein bisschen um Jürgen Todenhöfer.

Seit es auf dem Markt ist, gibt der vormals so zurückhaltende Medienmanager Zeitungsinterviews. Er sitzt im Fernsehen bei Kerner, Illner und Maischberger.

Er tue dies als Privat-, nicht als Burda-Mann, betont er. Und nicht als Pazifist.

In seinem Büro über den Dächern von Offenburg sagt der Privatmann Jürgen Todenhöfer: »Ein solches Buch hat in dieser Diskussion gefehlt.«

Nach 17 Verkaufstagen hatte der Buchhandel bereits 85000 Stück geordert, nach knapp drei Wochen 100000. Auf 200000, rechnet man beim Herder-Verlag, wird das Buch leicht kommen.

Mit der Kriegsangst wächst auch die Auflage seines Buches

»200 000.« Todenhöfer wiederholt die Zahl. Mit feierlichem Nachdruck in der Stimme sagt er: »Ich habe eine Million Euro zu verschenken.« Seinen Verdienst an dem Buch sollen Obdachlose und Waisenkinder in Afghanistan und dem Irak bekommen. Ein Verlagsgeschäftsführer bei Burda schreibt kein Buch um des Geldes wegen.

Obwohl, bessere Verkaufsvoraussetzungen gibt es nicht. Todenhöfers Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem es als sicher gilt, dass die USA den Irak angreifen werden, und an dem die Mehrheit der Deutschen gegen diesen Krieg ist. Dennoch, öffentliche Proteste waren lange Zeit eher verhalten. Die Bundesregierung protestierte ja schon für das Volk. Vielleicht spielte aber auch eine Rolle, dass die Bilder, die viele Menschen von einem Krieg im Kopf hatten, zu sehr jenen grünlichen von Blitzen durchzuckten Aufnahmen einer nächtlichen, weit entfernten Stadt ähnelten, wie sie CNN aus dem Afghanistankrieg sendete.

Die eindringlichen Geschichten, die Todenhöfer erzählt, lassen andere Bilder entstehen. Von jener Hochzeitsgesellschaft etwa, die im Juni 2002 von US-Flugzeugen bombardiert wurde, weil die Piloten Freudenschüsse angeblich für einen Angriff gehalten hatten. Das Buch formt Unbehagen in klare, einfache Sätze: »Wie viele schuldlose Männer, Frauen und Kinder darf man töten, um einen Diktator aus dem Amt zu jagen?«

Todenhöfer schreibt auch über sich. Wie er, der als CDU-Politiker einst als »Rechtsaußen« verschrien war, im Arbeitszimmer seines Hauses am Starnberger See Imagine von John Lennon auf der Gitarre übte, »das Lied eines Träumers, ein Lied über Frieden, Toleranz und Freundschaft«. Ausgerechnet an jenem 7. Oktober 2001. Und wie dann ein Freund in sein Zimmer stürzte, weil der Angriff auf Kabul begonnen hatte.

Jetzt ist es Todenhöfer, der durch die Talkshows tingelt. Jeder will ihn hören, jeder will ihn sprechen. Wie aber konnte ein Managertyp im hellblauen Hemd zum Vorsprecher der Kriegsgegner werden?

Es sind wohl die Brüche, die einen Menschen interessant machen. Es sind diese Gegensätze, die einen Manager Todenhöfer, wenn er in einer Talkshow vom Frieden spricht, glaubwürdiger erscheinen lassen als manchen grundpazifistischen Pulloverträger. Außerdem, Jürgen Todenhöfer stand schon früher auf als viele andere.

Am 2. Oktober 2001, einige Tage nach dem 11. September, erschien im Feuilleton der FAZ ein Text, in dem Todenhöfer vor einer Bestrafung der afghanischen Zivilbevölkerung warnte, vor Leid, terroristischer Eskalation. Es blieb nicht der einzige Artikel. Er habe immer wieder an Wochenenden am Schreibtisch gesessen und geschrieben, sagt er, morgens ab fünf.

Sein Thema war wieder da. Das Thema aus seinem ersten Leben als Politiker.

Die Vergangenheit hatte Jürgen Todenhöfer eingeholt.

Der Richtersohn und promovierte Jurist hatte in der CDU schnell Karriere gemacht. 1972, 32 Jahre war er alt, kam er in den Bundestag. Mangel an Selbstbewusstsein, schrieb jemand über ihn, könne man dem jungen Mann nicht nachsagen.

Damals bewunderte er Franz Josef Strauß und dessen Intellekt. Noch heute verwendet Jürgen Todenhöfer lateinische Zitate, so wie es der CSU-Politiker tat. Und er fand es gut, dass Strauß den Mut hatte, Dinge klar auszusprechen. Todenhöfer warf als entwicklungspolitischer Sprecher der Unionsopposition der Bundesregierung vor, sie finanziere in Afrika den Terrorismus, Herbert Wehner, er betreibe »das Geschäft der Sowjetunion«, und Hans-Dietrich Genscher, er steuere die Planwirtschaft an. »Dieser Mann ist reif für die Nervenheilanstalt«, urteilte Wehner, und einmal schimpfte er ihn, so war Wehner, gar »Hodentöter«.

»Ich war der bekannteste deutsche Politiker ohne Amt, es hat mir Spaß gemacht«, erinnert sich Todenhöfer.

Auch mit der eigenen Fraktion legte er sich an. Er präsentierte unbequeme Ideen, drängte, trieb. 1978 rief er Oppositionsführer Helmut Kohl zu: »Im Schlafwagen kommt man nicht an die Macht.« CDU-Honoratioren drohten, ihm sein Mandat abzunehmen. Todenhöfer konterte, er lasse sich seine Meinung nicht verbieten, auch im Interesse seiner Wähler.

Er kämpfte oft allein gegen alle. Vieles, sagt er, habe sich im Nachhinein als richtig herausgestellt.

Im März 1982 war er für den Abbau der sowjetischen und amerikanischen Interkontinentalraketen um bis zu 50 Prozent, »Verteidigungsminister Wörner hat mich angebrüllt, was mir einfiele«, er setzte sich für die Wiedervereinigung ein und für eine weltweite Nato-Eingreiftruppe.

»Ich habe so viel auf die Schnauze gekriegt«, sagt Todenhöfer, »aber mich hat nie jemand in irgendeiner Frage untergekriegt. Notfalls habe ich in namentlicher Abstimmung dagegen gestimmt.«

Und er erzählt, dass er, als Strauß die Befreiung des Flugbenzins von der Steuer zur Abstimmung gebracht habe, der Einzige aus der CDU/CSU-Fraktion gewesen sei, der nicht dafür votiert habe, andere hätten ihn angefahren: Sind Sie wahnsinnig! Sie sind doch ein Freund von ihm! Freund, na ja, sagt Todenhöfer, sie seien »ein paar Mal gemeinsam losgegangen, wenn Senator Burda in Offenburg eine Jagd gegeben hat«. Aber er habe sich gesagt, so einen Quatsch mache er nicht mit. Und habe dagegen gestimmt, allein. Oder vielleicht habe es noch einen Zweiten gegeben.

Todenhöfer ist an diesem Abend in die Uni Freiburg zu einer Diskussionsveranstaltung über sein Buch geladen. Seinen Dienstwagen in Offenburg hat er vor einigen Jahren abgeschafft, er fährt Taxi. Der Fahrer, ein junger Mann, mit dem er schon oft gefahren ist, benimmt sich trotzdem so formvollendet wie ein privater Chauffeur.

Im Taxi noch mal Afghanistan. Er sei jemand, erzählt Jürgen Todenhöfer, der genau wissen müsse, über was er spreche. Mit 19, er studierte in Paris, gab es nur ein Thema: den Algerien-Krieg. Alle redeten darüber. Er fuhr hin, fuhr durch das Land.

Breschnew wollte ihn »auspeitschen und erschießen«

Die Gefahr? Todenhöfer kräuselt leicht die Lippen und sieht nach vorn. »Wenn man heute mit 180, 200 über die Autobahn rast, ist das auch gefährlich.«

Todenhöfer ist jemand, der als 20-Jähriger den Flugschein machte und der heute, mit 62, in der Burda-Betriebsfußballmannschaft dafür bekannt ist, dass er keinem Zweikampf aus dem Weg geht. Damals, auch noch als abrüstungspolitischer Sprecher der CDU/CSU, reiste er in Krisengebiete. 1975 stattete er dem chilenischen Diktator Pinochet einen Besuch ab und brachte ihn dazu, 4500 politische Häftlinge freizulassen. 1980 schlug er sich mit einer Gruppe afghanischer Freiheitskämpfer und einem Fotografen von Pakistan nach Afghanistan durch. 1979 war die sowjetische Armee dort einmarschiert, und er wollte den dort beginnenden Völkermord anprangern.

Auch davon berichtet Todenhöfer jetzt wieder. Wie er knapp dem Tode entkam. Wie er Spenden für die notleidende Bevölkerung sammelte. Als er 1980, zurück in Bonn, die Öffentlichkeit über das informierte, was er gesehen hatte, schnaubte Breschnews Regierungssprecher, wenn man diesen Todenhöfer erwische, werde man ihn »auspeitschen und erschießen«. 1984 begegnete er in einem Flüchtlingslager in Pakistan einem 20-jährigen Afghanen, dem sowjetische Bomben die Hälfte der Haut weggebrannt hatten, der dahinvegetierte, ohne Hoffnung auf Überleben. Todenhöfer fand in Deutschland Ärzte für den Mann. Der lebt heute gesund im Süden Afghanistans.

In seinem Buch beschreibt Jürgen Todenhöfer weitere waghalsige Reisen und druckt Briefe ab, die er schrieb und empfing. Es gibt auch einige Analysen und einen Vorschlag für einen Friedensplan für den Irak, aber wenn man das Buch gelesen hat, hat man zugleich eine Autobiografie gelesen, die Autobiografie eines Menschen voll Wagemut, Charakter und Herzenswärme. Eines Menschen, der gefallen will.

Im August 1989 gab Todenhöfer bekannt, er wolle bei den nächsten Bundestagswahlen nicht mehr kandidieren. Was damals über ihn geschrieben wurde, liest sich, als sei er enttäuscht gegangen. Und als habe Helmut Kohl ihm seinen vorwitzigen Spruch immer noch nachgetragen und er Helmut Kohl immer noch dessen Politik.

»Für mich ist Politik mehr gewesen, als nur gewählt zu werden und den Posten zu haben«, sagt Todenhöfer, während der Wagen die Ausfahrt nach Freiburg nimmt. »Für mich bedeutete Politik, dass man etwas gestalten muss. Nicht Macht, Machen hat mir etwas bedeutet.«

Er kehrte nach Offenburg zurück, wo er geboren ist, stieg in den Verlag ein, den sein alter Schulfreund Hubert Burda von dessen Vater übernommen hatte. Interviews, Anfragen zu politischen Themen lehnte er fortan ab. Er zog mit seiner Frau und seinen drei Kindern an den Starnberger See, pendelte während der Woche zwischen den Firmensitzen in Offenburg und München hin und her. Über zehn Jahre arbeitete er so.

Dann kam der 11. September, und danach sagten Freunde zu ihm, nun sei es nicht die UdSSR, die Afghanistan angreifen werde, sondern die USA. Was er zu tun gedenke? Auch seine drei 16- bis 19-jährigen Kinder fragten ihn das. Er habe die Enttäuschung gespürt, als er nichts antworten konnte. Und er habe gespürt, dass die meisten Menschen keinen Unterschied machten zwischen Afghanistan und den Terroristen, die die USA angegriffen hatten.

Vielleicht dachte Jürgen Todenhöfer auch, dass es ein guter Zeitpunkt war, mit dem Ruf als rechter Scharfmacher aufzuräumen, den ihm seine politische Zeit eingetragen hatte.

Todenhöfer begann zu schreiben, erst an US-Präsident Bush, schließlich für die FAZ. Irgendwann rief ihn Cheflektor Rudolf Walter an. Ob er sich ein Buch vorstellen könne? Nein, sagte Todenhöfer. Dann rief Verleger Manuel Herder an. Nach einigen Monaten, mittlerweile war der Afghanistan-Krieg vorüber, und Bush und seine Krieger schossen sich auf den Irak ein, sagte Todenhöfer ja.

Das Audimax der Universität von Freiburg hat 850 Sitzplätze.

Es werde vielleicht eine eher kleine Veranstaltung, sagt Todenhöfer auf dem Weg dorthin noch ganz bescheiden, sein Freund Reinhold Messner, ein hervorragender Erzähler, habe es neulich gerade mal geschafft, das halbe Audimax zu füllen.

Todenhöfer gelangt kaum noch in den Saal. Über 1000 Menschen sind gekommen.

Es wundert ihn nicht wirklich.