Plötzlich schießt der Geysir steil wie eine Rakete in den Himmel, 30, 40 Meter hoch, und steht wie eine Eins. Doch nicht, wie im Sommer, als kompakte Säule, sondern umhüllt von einer mächtigen Wolke, die auch dann, als er längst wieder in sich zusammengefallen ist, noch wie eine riesige Kochmütze über dem Tal schwebt. Feierliche Kälte liegt über dem Yellowstone-Park, die Bäume knarzen in allen Stimmlagen. Der zottige Bison lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringenFoto: William Campbell /Aurora/laif

Im Winter kondensieren die Dämpfe der heißen Quellen und Geysire im Yellowstone-Nationalpark an der eiskalten Luft zu wallenden Schwaden. Die Bäume in ihrem Dunstkreis tragen einen Pelz aus Reif. Die Hirsche, Elche, Antilopen und Bisons ziehen aus den Hochlagen in die Täler. Doch der grundlegende Unterschied zum Sommer sind die Menschen. Während sich an einem Julitag 25000 Schaulustige um den Geysir Old Faithful scharen, sind es bei dieser Matineevorstellung ganze fünf.

Das kommt vor allem daher, dass die Straßen unter einer meterdicken Schneedecke begraben liegen. Einen Nationalpark ohne Natur – das würden die meisten Amerikaner bedenkenlos hinnehmen. Einer ohne Straßen dagegen scheint ihnen ein Unding zu sein. Dabei pendeln Raupenfahrzeuge regelmäßig zwischen den wichtigsten Attraktionen und den beiden Hotels, die auch im Winter geöffnet sind. Hinzu kommt eine Armada aus Schneemobilen, die im Park seit Jahren für Ärger sorgen. Und dann gibt es da noch ein drittes, laut- und abgasloses Fortbewegungsmittel: die Langlaufskier.

Ein Besuch der Landschaft ist halb Pflichtübung, halb Pilgerfahrt

In nordischen Ländern seit Menschengedenken unentbehrlich, tauchten diese Skier in den Vereinigten Staaten erst in den siebziger Jahren in größerer Zahl auf. Und hätte Bill Koch nicht 1976 in Innsbruck olympisches Silber erlaufen, es wäre wohl ein Nischensport geblieben. Dass ein Amerikaner eine Medaille holte, war allein schon eine Sensation. Aber wie er sie holte, revolutionierte die gesamte Szene. Seither rangiert das Skaten, der wuchtige Schlittschuhschritt, gleichwertig neben dem klassischen Stil.

Mein Basislager für die erste Woche ist die Lone Mountain Ranch im Süden Montanas, 30 Kilometer nordwestlich des Yellowstone gelegen. Von einem Fachblatt wurde sie unlängst zum besten Langlaufzentrum Amerikas gekürt. Was hier als Leihskier über die Theke gereicht wird, gibt es andernorts noch gar nicht zu kaufen. Geschäftsführer Brian Wadsworth lief einst in der amerikanischen Biathlonstaffel. Was die Ranch aber vor allem auszeichnet, ist ihre Behaglichkeit. In den zwanziger Jahren war sie ein Holzfällercamp, und noch immer hat die Anlage den Charme des alten Westens. Wer am Nachmittag zurück in das abgeschiedene Tal kommt, sieht ein Dutzend hingewürfelter Blockhütten, die unter der Schneelast ihrer Dächer in die Knie zu gehen scheinen. Die Fenster schimmern golden, aus den Kaminen steigen Rauchspiralen auf. Am Abend warten Gaumenfreuden à la carte: Forellen aus dem eisigen Gallatin River und Ossobuco vom Wapiti.

Mit Skilehrerin Jules Danfort streife ich durch die Bergwälder der Umgebung. Über Nacht hat der Winter nochmals eine weiße Traumwelt erschaffen. Jules strahlt, sie liebt die Kälte. Nicht genug, dass sie die Winter in den Rocky Mountains auskostet – wiederholt hat sie Bohrungen in der Arktis logistisch betreut und so schon mehrere kleine Eiszeiten erlebt. Die zierliche Frau besitzt offenbar eine unerschöpfliche Energiequelle; dazu ein Lachen, mit dem sie einen Eisberg zum Schmelzen bringen könnte.

Nach zwei Tagen unternehmen wir mit ein paar anderen Langläufern einen Ausflug in den Park. Von der Straße aus arbeiten wir uns scheinbar querfeldein in die Wildnis, folgen aber einem Wanderweg, der bis zur Unkenntlichkeit zugeschneit ist und hie und da von umgestürzten Baumstämmen versperrt wird. Seit Jahrhunderten ist kein Totholz aus diesem Tal entfernt worden, sodass statt eines gewöhnlichen Forstes ein Wirrwarr aus Ästen und Baumstämmen vor uns liegt. So sieht ein Wald aus, der nie eine Axt gehört hat.