Für alles und jedes haben Wissenschaftler Gene identifiziert: für Intelligenz, Alkoholismus, Depression oder Kriminalität. Auch die politische Orientierung soll teilweise im Erbgut festgelegt sein. Stets werden derlei Thesen begierig aufgegriffen. Die Gene sind schuld, wenn wir dick werden oder untreu sind oder wenn Kinder zu McDonald’s wollen.

Freilich mussten bisher alle Studien, in denen Gene als alleinige Ursache für Abweichungen in Verhalten oder Charakter ausgemacht wurden, zurückgezogen werden. Sie wurden widerlegt oder konnten nicht bestätigt werden.

Doch krasse Vereinfachungen gedeihen nicht nur in den Köpfen von verstiegenen Forschern oder Hochstaplern, wie die als "Schwulengen" durch die Presse gereichte Entdeckung des Genetikers Dean Hamer von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA 1993 zeigt. Die US-Forscher Richard Herrnstein und Charles Murray gingen in ihrem 1994 veröffentlichten Buch The Bell Curve noch weiter: Nicht eine gescheiterte Sozialpolitik, Elend, Gewalt und Drogen seien schuld an der Misere vieler Schwarzer in den USA, sondern deren Gene. Schwarze seien bei weitem nicht so intelligent wie Weiße.

Fraglich ist allerdings, was die Forscher gemessen haben. Denn die Resultate von IQ-Tests hängen stark vom gesellschaftlichen Umfeld ab. Verblüfft stellten Intelligenztester fest, dass der Durchschnitts-IQ in den Industrienationen alle zehn Jahre um etwa drei Punkte ansteigt. In den fünfziger Jahren war demnach jeder Vierte nach heutigen Maßstäben geistig behindert. cos