Für manche sind es erfahrene, ältere Herren, die ihnen wohlgemeinte und sinnvolle Ratschläge erteilen. Für andere lesen sie lediglich komplizierte juristische Texte vor, kleben ein Siegel drauf und verlangen dafür viel Geld.

Die meisten Menschen gehen nur dann zum Notar, wenn es ernst wird im Leben oder um richtig viel Geld geht. Selten freiwillig, meistens weil sie das Gesetz dazu zwingt.

Denn wer in Deutschland ein Grundstück, ein Haus oder eine Eigentumswohnung kaufen will, kommt um die notarielle Zwangsberatung nicht herum. Wer verhindern möchte, dass sich die Erben gegenseitig zerfleischen, sobald er selbst unter der Erde liegt, muss einen Erbvertrag beim Notar beurkunden lassen. Und wer ein Unternehmen gründen will, dem geht es auch nicht anders: Die Satzung jeder Kapitalgesellschaft braucht ein notarielles Siegel, so schreibt es das Gesetz vor, und für den Berufsstand bedeutet das ein lukratives Geschäft. In Deutschland werden jedes Jahr allein 6000 Aktiengesellschaften und etwa 100 000 GmbHs gegründet. So schätzt ein Notar, dass es manche seiner beurkundungsfreudigen Großstadt-Kollegen in guten Zeiten auf Jahreseinkommen von einer Million Euro bringen können.

Angriff auf den Schutzwall. Doch die wohlgeordneten Zeiten könnten bald vorbei sein. Die Generaldirektion Binnenmarkt unter EU-Kommissar Frits Bolkestein will den Notaren etwas mehr Wettbewerb verordnen. Auch für sie soll künftig gelten, was für Bäcker, Klempner, Ingenieure und Rechtsanwälte schon lange gilt: Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit. Diese beiden Grundpfeiler der Europäischen Union besagen, dass ein EU-Bürger grundsätzlich in jedem Mitgliedsland arbeiten darf.

Bislang nämlich sind die deutschen Notare - genauso wie ihre Kollegen in fast allen anderen EU-Staaten - von jeweiligen nationalen Schutzwällen umgeben, die sie unter anderem vor Wettbewerb mit Ausländern abschirmen. So ist hierzulande der Zugang zum Beruf ausschließlich deutschen Juristen mit den besten Examensnoten vorbehalten. Die Justizminister der einzelnen Bundesländer entscheiden, wer Notar wird und wie viele solcher Edeljuristen es überhaupt geben darf. Derzeit gibt es in der ganzen Bundesrepublik etwa 11 000, und mehr sollen es keinesfalls werden. In der Regel müssen sich Interessenten trotz hervorragender Noten viele Jahre lang in Wartelisten einreihen oder sogar eine weitere Ausbildung absolvieren. Und erst wenn ein Notar stirbt oder die gesetzlich vorgeschriebene Altersgrenze von 70 Jahren erreicht, können andere nachrücken. Dann bekommen sie dank des so genannten Territorialprinzips ihre festgelegten Gebiete oder Stadtteile zugewiesen, in denen sie sich niederlassen müssen. Damit will der Staat sicherstellen, dass es überall im Land Notare gibt. Im Gegenzug brauchen diese dann bloß auf Kunden zu warten, die von ganz allein kommen.

Darüber hinaus ist das deutsche Notariatswesen auch noch regional unterschiedlich geregelt, die zahlreichen Spielarten decken sich nicht einmal mit den Landesgrenzen. Grob gesagt, gibt es in Bayern, Rheinland-Pfalz, Teilen von Nordrhein-Westfalen und den meisten östlichen Bundesländern Exklusiv-Notare. Anders als ihre Kollegen beispielsweise in Schleswig-Holstein, Hessen und Niedersachsen dürfen sie nicht nebenbei noch als Rechtsanwälte arbeiten. In Baden-Württemberg schließlich sind Notare oft gleichzeitig Beamte oder Richter.

Deutschland bleibt hart. Zweimal bekam die Bundesregierung in Sachen Notariat bereits Post aus Brüssel. Zweimal wurde sie gefragt, ob sie denn gedenke, den starren Schutzwall ihrer Notare in irgendeiner Weise aufzuweichen. Zweimal lautete die Antwort aus Berlin: Nein. Und von dieser Haltung, so bestätigt eine Sprecherin des dafür zuständigen Bundesjustizministeriums, werde man auch nicht abweichen. Notfalls riskiere man, vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt zu werden.