Es war einmal ein Spitzenmanager in Frankreich, der wollte ins Allerheiligste der Vereinigten Staaten eindringen. Also kaufte er einen großen amerikanischen Unterhaltungskonzern. Doch Jean-Marie Messier, dem Chef von Vivendi, wurde dieser Angriff auf das kommerzielle Kulturerbe der USA zum Verhängnis. Denn die überrumpelten Manager von Universal wehrten den Feind aus Frankreich nicht etwa mit einer plumpen Gegenattacke ab, sondern durch Umarmung. Sie nahmen den Franzosen herzlich auf, reichten ihn auf Partys herum und lancierten Magazin-Storys über sein 17,5 Millionen Dollar teures Apartment an der Park Avenue. Bald schon führte Messier seine Konferenzen nur noch auf Englisch, baute seine Pariser Zentrale am Triumphbogen in ein kalifornisches Cybercafé um und genoss das Hochgefühl, zum globalen Jetset der Unterhaltungsindustrie zu gehören.

"Doch während die Amerikaner ihm mit der einen Hand auf die Schulter klopften, hatten sie mit der anderen bereits ihr Rasiermesser gezückt", beschreibt Christian Harbulot den Moment des brutalen Schnitts: Gerüchte über Bilanzfälschungen, Hausdurchsuchungen in New York und Paris; dann die Enthüllung von Milliardenschulden, fristloser Rausschmiss. Harbulot ist Lehrer an der École de Guerre Économique (EGE) in Paris, einer "Schule für den Wirtschaftskrieg". Er kennt, wie er meint, den wahren Grund des Desasters: "Messier wurde vom Gegner so stark amerikanisiert, dass er zu Hause alle Unterstützung verlor."

Bei Harbulots Schule handelt es sich um eine staatlich anerkannte Institution, gegründet von Wehrexperten und Geheimdienstlern. Sie wird unterstützt vom französischen Verteidigungsministerium sowie der Rüstungsberatungsfirma Défense Conseil International. Ziel der konspirativen Lehrwerkstatt ist "Ausbildung in Angriffs- und Verteidigungsmethoden, denen Unternehmen und Regierungen im Wettlauf der Globalisierung ausgesetzt sind".

Auch die Deutschen haben auf diesem Gebiet Nachholbedarf. Christian Harbulot erzählt noch eine Geschichte: Es war einmal der Bundeskanzler Helmut Kohl, der wollte den Franzosen mit dem Verkauf der Leuna-Raffinerie den Zugang zum osteuropäischen Ölmarkt öffnen. Das gefiel den Konkurrenten in Amerika nicht. Plötzlich gab es Korruptionsvorwürfe und Schwarzgeld-Affären, die den Kanzler schwächen und die deutsch-französischen Beziehungen zerrütten sollten. Der Urheber? Christian Harbulot ergeht sich diesmal nur in Andeutungen: "Niemand wunderte sich, dass die Hauptinformationen von Schweizer Banken stammten, die sonst äußerst verschwiegen sind." Und waren diese Banken zuvor nicht erschüttert worden, als in Amerika der Skandal um die unterschlagenen Vermögen jüdischer NS-Opfer hochkochte? Retteten sich die Schweizer damit, dass sie Helmut Kohl stürzen halfen?

Rätselhafte Einbrüche, politische Verschwörungen

Um Himmels willen, was erzählt dieser Mann vor seinen 30 Studenten im Kellerhörsaal? Ist das hier ein Lehrgang, wie man sich krachende Gegendarstellungen und kostspielige Schadenersatzprozesse einhandelt? Christian Harbulot hat solche Sorgen nicht. Vor der abgeschirmten Öffentlichkeit des Hörsaals doziert der stets übermüdete Endvierziger über weitere Fallbeispiele: den kalkulierten Absturz von Medikamenten wie Lipobay und Prozac, rätselhafte Einbrüche bei Alcatel, Danone, Dassault. Neben Wirtschaftskrimis stehen auch politische Verschwörungen auf dem Lehrplan: gegen Al Gore, Juan Antonio Samaranch oder den kolumbianischen Drogenkönig Pablo Escobar.

Wer Professor Harbulot eine Weile zugehört hat, der bekommt Fluchtgedanken und sucht die Gesichter der Studenten nach Verhaltensauffälligkeiten ab. Doch ringsum sitzen weder hohlwangige Hacker noch zackige Militärs, sondern frisch diplomierte Betriebswirte, EDV-Ingenieure, Juristen und Jungmanager, die sich für 10000 Euro Studiengebühr ein Jahr lang auf den Informationskrieg des 21. Jahrhunderts vorbereiten lassen. Viele der 130 Absolventen, die die Schule seit 1997 besucht haben, bekleiden heute Führungspositionen in französischen Großunternehmen.

Christian Harbulot sagt: "Die USA wollen uns durch das Informationsmanagement ihrer Bundesbehörden und Unternehmen eine Dominanz aufzwingen, die einer friedlichen Koexistenz abträglich ist." Mit beständig herabgezogenen Mundwinkeln signalisiert er schon physiognomisch den Ernstfall und entspricht ganz dem Klischee des antiamerikanischen Franzosen. "Gegenüber den diktatorischen Strategien der Amerikaner wirken wir Europäer wie barfüßige Buschdoktoren. Wir müssen Gegenkräfte entwickeln, um unsere Werte, unsere Lebensweise und Vorstellung von Menschlichkeit zu verteidigen."

Die tristen Seminarräume in dem Pariser Hinterhof zwischen Invalidendom und Militärschule wirken für einen Augenblick wie Trainingsräume der NGOs, der Nichtregierungsorganisationen, die sich auch in Globalisierungsfragen engagieren. Von ihnen fühlt sich laut einer Umfrage beim Weltwirtschaftsforum in Davos jeder dritte Spitzenmanager bedroht. In dieser Schule ist alles braun, überzogen von einem lichtlosen Maulwurfsbraun – die Klappsessel, der Boden, die Decke und selbst das Hemd des Lehrers mitsamt Krawatte. Aus dem Dämmerlicht der Computerschirme und Neonröhren steigen Erinnerungen an das verwaschene Manövergrün im Stil des Militärlooks der siebziger Jahre hoch, als plötzlich Armeeparka und Feldgeschirr in der Alternativkultur aufkamen, jene Survival-Ausrüstung, die zur geistigen Mobilmachung der späteren Straßenkämpfer von Seattle und Genua gehörte.

Die schärfste Waffe ist eine falsche Behauptung, die wahr klingt

"Geschlagen zu werden ist verzeihlich, sich überraschen zu lassen aber ist unentschuldbar." Napoleons Leitsatz ist der Wahlspruch der Kriegsschule. Ein konstruktivistisches Totemzeichen mit Indianerpfeilen dient ihr als Firmenlogo. Die EGE ist ein Ort des Dialogs mit Militärs und Rüstungsunternehmen. Sie wird zunehmend auch von der Regierung herangezogen, wenn es um mutmaßliche Störaktionen gegen die heimische Industrie geht – wie kürzlich beim Streit unter den Consulting-Giganten Altran (Frankreich) und Arthur D. Little (USA), der zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses im Parlament führte.

"Produkte und Innovationen sind nicht mehr die Hauptvorteile in einer Wirtschaft, in der das Angebot längst größer ist als die Nachfrage", doziert Christian Harbulot. Wer heute beispielsweise ein neues Medikament auf den Markt bringe, müsse fest damit rechnen, zur Zielscheibe von Informations- und Gerüchtekampagnen zu werden.

Also lehrt seine Schule die Kunst der Konterattacke. Dafür treten die Studenten in Rollenspielen gegeneinander an. Erst gilt es, den Angreifer zu identifizieren. Dann wird ein Szenario für einen Gegenangriff ausgearbeitet und schließlich ein Emissär zum Angreifer geschickt. "Wir haben das bei realen Konflikten erprobt und angegriffenen Firmen bei der Recherche geholfen", frohlockt ein Student in Anzug und Krawatte. "Die Unternehmen, die die Kampagne gestartet hatten, waren darüber meist sehr überrascht."

Die Schule besteht darauf, dass alles, was sie unterrichtet, legal ist. "Wir lehren nicht die Verbreitung von falschen Informationen, sondern die Kunst, den Gegner aufzuhalten", sagt Harbulot, der zuvor bei der auf Nachrichtenbeschaffung spezialisierten Firma Intelco arbeitete, einer Tochter der Défense Conseil International. Die anderen Lehrer kommen meist von französischen Großkonzernen und Nachrichtendiensten.

In den Übungsräumen der EGE hocken die Studenten vor ihren Computern so dicht gedrängt wie in einem Internet-Café von Bangalore. Beim Gang durch die engen Tischreihen demonstriert Direktor Harbulot auf einem Terminal, wie sich die Aktionsmuster von Angreifer und Verteidiger gleichen: Es geht um die Selektion und Neutralisierung der verbreiteten Nachrichten. Und die erreicht man am besten, indem man der bestehenden Informationsflut einen Mahlstrom an neuen Mitteilungen hinzufügt, die die älteren Daten schlicht überspülen – "unter die Wasseroberfläche drücken", wie Student Bertrand Plas aus Straßburg formuliert. Aber werden den Studenten nicht auch fiese Tricks beigebracht? Schulleiter Harbulot schüttelt entschieden den Kopf, und seine Studenten tun das Gleiche – vielleicht ein wenig zu schnell. Bei der anschließenden Vorlesung über den "Transfer militärischer Techniken auf die Unternehmenskultur" jedenfalls ziehen sie die Tür hinter sich zu. Besucher müssen diesmal draußen bleiben.

Die Schule beteuert, wie wichtig ihr die Absage an die Militanz von gestern sei, an den herkömmlichen Konkurrenzkampf mit diplomatischen Ränken, Bestechung oder Industriespionage. "Solche massiven Attacken", sagt Harbulot, "fliegen zu schnell auf und können äußerst kontraproduktiv sein." Lieber konzentrieren sich die modernen Wirtschaftskrieger auf indirekte Aktionen, auf Kommunikation und Lobbying. Früher gab es dafür vor allem Werbung und Pressearbeit, heute ist das Internet wichtig. "Das Netz vermischt die Genres", weiß Harbulot. "Seine leichte und unkontrollierbare Zugänglichkeit begünstigt die verdeckte, maskierte Kommunikation."

Für Harbulot befindet sich Europa erst auf einer archaischen Stufe des Internet. Dabei ist die Nutzung offener Internet-Quellen viel einfacher und billiger als Wirtschaftsspionage. Ein Gerücht, von den Medien oder übers Netz verbreitet, kann einem Unternehmen mehr schaden als die klassische Werkspionage. So geschieht es häufig durch die subversiven Aktionen der Globalisierungsgegner. Doch obwohl Christian Harbulot die USA als "mächtigstes Informationsimperium aller Zeiten" kritisiert, kann er den Strategien der Antiglobalisierer wenig abgewinnen. Eine Bewegung, die keine Ländergrenzen kenne und nur spontane Protestaktionen, könne kein starker Akteur sein. Den aber brauche man, wenn es beispielsweise um den transatlantischen Kampf an der Ernährungsfront geht – ein französisches Lieblingsthema.

Für das Examen 2001 stellte Harbulot seinen Studenten die Aufgabe, die Dominanz der amerikanischen Fast-Food-Industrie mit einer Informationsattacke zu brechen – allein mit Fakten aus frei zugänglichen Quellen, mit einem Kesseltreiben aus Anfragen und Stellungnahmen und einem kräftigen Schuss Polemik in der Argumentation.

Auf den präsentierten Websites der Studenten gab es dann für jedermann verfügbare Daten und Links, die die Schwachpunkte der Kontrahenten nachweisen sollten: Statistiken der Weltgesundheitsorganisation über die Lebenserwartung des Durchschnittsamerikaners, Marktberichte von Fleischerzeugern über die Billigqualität ihrer Lieferungen und Erfolgsbilanzen von Pharmaproduzenten, die Vitamin- und Zusatzprodukte zum Ausgleich von Ernährungsmängeln liefern.

Die Website wurde nie ins Netz gestellt.