Tibet ist mit Gebetsfahnen übersät – es gibt mehr Fahnen als Bäume. Die mit Mantras beschrifteten Baumwolltücher flattern überall: auf Bergpässen, an Hängebrücken, vor Nomadenzelten. Tagelang sehen wir auf den weiten Hochebenen des Landes keine Menschenseele, doch keine Stunde vergeht, ohne dass wir irgendwo eine Gebetsfahne erblicken. Je kräftiger der Wind, desto besser fürs Gebet. Die Menschen Tibets sagen: "Möge ich und mögen alle fühlenden Wesen frei werden vom Leiden und von der Ursache des Leidens." Oder: "Mögen alle Glück und die Ursache zum Glück besitzen." Mitgefühl und Liebe – die Gebetsfahnen sollen den Frieden in die Welt hinaustragen.

Dass die Botschaft nicht immer ankommt, ist kein meteorologisches Problem. Bis vor zwei Jahren war der Nordosten des alten Tibet – die Gebiete Amdo und Kham – für Ausländer gesperrt. Jetzt lässt die Regierung in Peking kleine Reisegruppen in die "friedvoll befreiten Gebiete", die inzwischen zu den chinesischen Provinzen Gansu, Qinghai und Sichuan gehören. China sucht den Anschluss an den Westen – auch über den Tourismus. Tibet zu öffnen heißt auch das: Schaut her, wir haben nichts zu verbergen.

Unser chinesischer Reiseführer Imin weicht bei entsprechenden Fragen höflich aus. Er spricht fließend Deutsch, obwohl er Anglistik studieren wollte. Die Parteiführung entschied anders. "Lasst die Vergangenheit ruhen, schauen wir nach vorn", sagt Imin. Nach einem zweistündigen Flug von Peking nach Xining steigen wir in frisch polierte Jeeps. Unsere ersten Etappen führen uns über mehrere 4000-Meter-Pässe ins Amnye-Machen-Gebirge. Weite Steppen wechseln ab mit dichten Mooshängen, rötliche Felsmassive verschwinden hinter weißen Sanddünen. Das Tiefblau der Bergseen wirkt so unecht wie nachkolorierte Schwarzweißfotos. Hollywood hat Tibets Bergwelt oft als monumentale Kulisse verwendet, zuletzt mit Brad Pitt in Sieben Jahre in Tibet. Einmal hat die Filmindustrie nicht übertrieben. Alles scheint inszeniert, so harmonisch sind die Bilder. Gab es eine Welt vor dem Menschen – so muss sie ausgesehen haben.

Lang ist die Liste der Plagen aus Peking, groß die Geduld der Tibeter

Die Ruhe ist im "Schneeland" Tibet absolut. Die schneebedeckten Berggipfel scheinen über den Wolken zu stehen. Nach einer Legende berührt hier der Himmel die Erde. Bis auf nahezu 7000 Meter Höhe weiden Yaks. Die tibetischen Grunzochsen liefern den Nomaden die Wolle für Kleidung und Zelte, den brennbaren Dung für die Öfen, Milch für den salzigen Buttertee. China hat versucht, die Nomaden durch Beschlagnahmung ihres Viehs zur Sesshaftigkeit zu zwingen. Weideplätze wurden zu Ackerland umgewandelt, der Anbau von Gerste wurde durch Weizen ersetzt. Mit verheerenden Folgen. Aus Gerste machen die Nomaden ihren Tsampa-Brei, aus Weizen gar nichts. Der kommt in diesen Höhen gar nicht zur Reife, was zu Hungersnöten führte. Den Widerstand der Nomaden konnte Peking bisher aber nicht brechen.

Wer den widrigen Naturgesetzen trotzt, der lässt sich von Gesetzestafeln nicht beeindrucken. Überhaupt scheint es, als kennten die Menschen hier keine Probleme. Unberührt ertragen sie alles Ungemach. Die hohe Kindersterblichkeit, die niedrige Alphabetisierungsrate, die Rodung ganzer Wälder, die Zwangssterilisationen, die befohlenen Abtreibungen – die Liste der Plagen ist lang. 50 Jahre Fremdherrschaft gehen an die Substanz. Und doch werden wir auf der ganzen Reise kein einziges mürrisches Gesicht sehen. Alt und Jung – nur sympathische Blicke. Und Neugierde.

Die Szenen sind immer dieselben: Wenn wir unsere Jeeps für eine Rast stoppen, betrachten uns die Leute, als entstiegen wir einer Raumkapsel oder direkt dem Fernsehgerät, das ständig läuft – chinesische Soap-Operas oder amerikanische Western. Die Kinder ziehen Fratzen, die Erwachsenen eilen nach Hause und kommen in ihren schönsten Kleidern zurück: die Männer in ihren Chupas, den knielangen Mänteln mit Ärmeln, die bis fast zum Boden reichen, die Frauen mit Amuletten, Halsketten und Gürtelschnallen, die ihre soziale Stellung ausdrücken. Ein spontaner Modelauf als Zeichen des Respekts für den fremden Gast.