Nach zehn Minuten steht sie auf. Ihr Stuhl ächzt, sie ist eine schwere Frau. Sie geht zum Schrank neben dem Fernseher und nimmt eine knallbunte Fototasche heraus. Sie hat die Bilder von damals nachbestellt, jetzt, da doch so viele danach fragen. "Hier", sagt sie und schiebt vier Fotos über den Tisch.

Oh nein, denkt man. Ein Kopf, ihr Kopf, wie der einer Kröte, überall Pusteln, auch auf den anderen Bildern, die man nicht sehen will und doch anstarrt. Eine junge Frau liegt auf einem blauen Tuch, nackt, aufgedunsen, die Eiterblasen sind auf ihrem Kopf, ihren Brüsten, überall. Sie schläft. Sie ahnt nicht, dass sie beobachtet wird. Man gafft, und man schämt sich. Magdalena Drinhaus ist jetzt zweimal im Zimmer. Einmal auf den Fotos, einmal auf dem Stuhl. Was sagen? Was fragen?

Irgendwo im Haus tickt eine Uhr.

Diese vier Bilder, sie führen direkt in die Geschichte: Wie Magdalena Drinhaus, geborene Geise, vor 33 Jahren die Pocken bekam, wie vier Menschen in Meschede im Sauerland daran starben und ein ganzer Landstrich fast außer Kontrolle geriet. Eigentlich ist auf den Fotos nur das zu sehen, was einmal war. Doch in diesen Tagen meint jeder, auf ihnen zu erkennen, was wieder werden könnte. Magdalena Drinhaus hat die Albtraumbilder der Menschheit auf Fotopapier. Jetzt liegen sie hier auf ihrem Esstisch, und man muss etwas dazu sagen.

Waren Sie da noch bei Bewusstsein?

"Hier ja", sagt sie und zeigt auf das Bild, auf dem die Pusteln noch klein sind wie Pickel in der Pubertät. "Da dann nicht mehr." Sie tippt mit ihrem sehr weißen Finger auf das schlimmste Foto, das, auf dem ihr Mund und ihre Augen blutverklebt und verschlossen sind.

Sie hatte damals noch nicht viel von der Welt gesehen

Magdalena Geise war 21. Sie lernte seit einem Jahr als Schwesternschülerin im katholischen St.-Walburga-Krankenhaus, einem strahlend weißen Gebäude hoch über dem Ruhrtal und über der Stadt mit ihren 18000 Einwohnern. Die Welt der Schwesternschülerin Magdalena war noch klein, sie hatte erst Österreich, Italien und die Nordsee gesehen, aber im Spätsommer 1969 schien alles möglich zu sein, es gab so viel Zukunft damals: Die Amerikaner waren gerade zum Mond geflogen, in München bauten sie ein heiteres Stadion für heitere Spiele, Magdalenas Vater fuhr einen hellblauen Opel Rekord, seine Tochter im Krankenhaus trug Minirock, die Bee Gees spielten den Soundtrack zu ihrem Leben. Auch im Sauerland ließen die Jungs jetzt ihre Haare wachsen, und der 20 Jahre alte Elektriker Bernd K. fuhr mit sieben Freunden in einem VW-Bus bis nach Pakistan. Er war auf der Suche nach Peace, Love und Haschisch.