Oh, ihr Leute vom Irak, Leute von Zwietracht und Heuchelei! Ihr seid, bei Allah, schuld, dass mein Herz Eiter blutet." – So die Worte von Ali Ibn Abi Talib, adoptierter Schwiegersohn und Vetter des Propheten vor 1345 Jahren. Seit damals hat sich die Lage kaum verbessert. Als gebürtiger Iraker befürworte ich den Krieg gegen Saddam Hussein. Denn ein Frieden, der den Diktator an der Macht lässt, bedeutet für meine Landsleute nichts anderes als einen ewigen Krieg.

In beispielloser Häufigkeit wechselten Regierungen, indem die neue die alte niedermetzelte. Jeder neue Diktator war brutaler als der alte. Das Gesetz "Töten, um nicht getötet zu werden" gilt so selbstverständlich, wie die Sonne seit Tausenden von Jahren auf- und untergeht. Ein Gesetz, das bis heute kaum jemanden störte. Doch nun bedroht der Diktator Saddam Hussein nicht nur sein Volk, sondern die ganze Menschheit.

Die Erfahrungen von Hunger und Flucht haben 22 Jahre meines Lebens unter dem irakischen Regime geprägt. Schon als Fünfjähriger galt es, mitzuhelfen beim Waschen der Leichen; mit unseren Kinderfingern mussten wir die Einschusslöcher in den toten Körpern mit Baumwolle stopfen. Unsere Spielzeuge waren Pistolenkugeln. Wir wurden zu Experten in der Frage, welches Projektil welcher Art von Waffe entstammte und ob es bereits Fleisch durchdrungen hatte oder nicht. Aufgeregt liefen wir hinter den Jeeps des Geheimdienstes her, wenn sie die Leichen an Seilen durch die Gassen schleiften.

"Das Museum des Todes" – so nannte mein Vater den Irak. Einen Ausdruck, den ich erst verstand, als ich gemeinsam mit meinen Eltern in einem irakischen Gefängnis saß. Mein 90-jähriger Vater starb in der Haft. Meine Mutter und mich begnadigte der Führer. Viele Jahre war der Terror Saddam Husseins für mich nichts anderes als Terror am kurdischen Volk. Als ich anfing, an der Bagdader Universität zu studieren, wurde ich eines Besseren belehrt. Der ältere Sohn des Diktators, Udai, machte mit seiner männlichen Gefolgschaft regelmäßig Jagd auf Mädchen und Frauen in der Universität und auf den Straßen Bagdads. Viele seiner Opfer haben sich nach der Vergewaltigung das Leben genommen.

Willkür gehört zum System, Rechtssicherheit ist ein Fremdwort im Irak. Wer nicht selbst zu einem der vielfältigen Geheimdienste gehört, befindet sich entweder schon als Verräter oder Spion in Haft oder gilt als potenzieller Verräter, von Geheimdienstlern observiert und damit auf dem besten Weg ins Gefängnis. Davon gibt es viele und doch nie genug. Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Tausende warten auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile.

Garanten dieses totalitären Kontrollsystems sind die Vertreter der Baath-Partei, die nach Blockwartmuster jede Gasse kontrollieren, in Form eines Straßenrates, als Verantwortliche der Partei oder als Mitglieder des Geheimdienstes. Nicht umsonst ist die DDR eines der Vorbilder für das irakische Regime gewesen. Was wissenswert ist, entscheiden die Aufpasser. Und sie wissen alles: wann ein Kind geboren wird, wer wen wann besucht und aus welchem Grund. Auch die Demonstrationen, die jetzt im Fernsehen gezeigt werden, sind von ihnen organisiert. Studentische Freiheit hieß für mich nichts anderes, als den Affen für den Führer zu machen, ohne Seele für ihn zu schreien.

Deutschland, 1998, das Telefon klingelt, ein Anruf aus dem kurdisch-irakischen Suleimania. Am anderen Ende die kraftlose und aufgelöste Stimme meiner Mutter, die in abgehackten Sätzen zu verstehen gibt, dass mein Bruder Mohammed nach vier Jahren Gefängnishaft in Abu Gahraib hingerichtet wurde. Um seine Leiche zu bekommen, verlangt das Gefängis das Geld für die 30 Kugeln zurück, mit denen er getötet wurde. Das Bagdader Hauptgefängnis fordert noch etwas mehr. Wegen der entfernten Augäpfel.

Terror dieser Art ist Alltag. Demonstrationen, die heute weltweit für den Frieden stattfinden, machen den Menschen im Irak nur Angst. Für die Iraker sind sie nichts anderes als Hilfe für einen Diktator und seine Gestapo. Zugleich bedeuten sie anhaltenden Hunger, weil Saddam sein Geld lieber für Massenvernichtungswaffen und die Aufrüstung terroristischer Gruppen ausgibt, als die Bevölkerung zu versorgen und sein Land zu sanieren. Und sie bedeuten eine Fortführung des Spiels mit den UN-Inspektoren, deren Suche immer vergeblich sein wird, weil Saddam nicht nur Moscheen und Schulen als Verstecke von biologischen und chemischen Waffen nutzt, sondern auch die Unterkünfte der Bevölkerung, ohne jede Sorge um deren Gesundheit.