Washington/Berlin

Der deutsche Bundeskanzler ist in Washington Persona non grata, der einst hoch geschätzte Außenminister darf sich schon freuen, dass Collin Powell hin und wieder ein wenig Zeit erübrigen kann, und wenn der deutsche Verteidigungsminister seinen Antrittsbesuch bei Donald Rumsfeld absolviert, geht es ohne gezielte Demütigungen nicht ab. Wie anders, wenn Angela Merkel dieser Tage die amerikanische Hauptstadt bereist. Der Vizepräsident, die Sicherheitsberaterin, der Verteidigungsminister, alle empfangen die Oppositionsführerin aus Deutschland, die auch ansonsten ein pralles Programm vorfindet. Man interessiert sich für Angela Merkel, sie wird hofiert. Und sie wird instrumentalisiert. Mit ihrer Vorzugsbehandlung lässt sich demonstrieren, wie wenig man noch mit ihren politischen Gegnern zu schaffen haben will. Die Wertschätzung, die ihr entgegenschlägt, ist die Kehrseite der Erbitterung, mit der man von Washington aus auf die Berliner Regierenden blickt.

Angela Merkel ist einfach zu nüchtern, um das nicht zu sehen. Sie kennt die Risiken ihres Besuches. Aber sie will die Chance nutzen, sich und ihre Partei im Herzen der Weltmacht als Alternative zu präsentieren, als verlässliche Partner: "Ich bin nicht nach Washington gekommen, um die Atmosphäre zwischen unseren Ländern zu verschlechtern", entgegnet sie kritischen Nachfragen. Man darf ihr das abnehmen. Angela Merkel ist als Botschafterin Deutschlands gekommen, des "neuen Deutschlands" eben, wie Donald Rumsfeld es nennen würde.

Schlangenlinien im Wahlkampf

So klar war das nicht immer. Im Bundestagswahlkampf, auf den heute alle deutsch-amerikanischen Zerwürfnisse zurückgehen, war auch die Union nicht der verlässliche Bundesgenosse an der Seite der USA, den sie heute gern herauskehrt. Solidarität für die getroffene Weltmacht hatte auch die Union immer wieder nach den Anschlägen vom 11. September bekundet, auch Edmund Stoiber auf seiner USA-Reise als Kanzlerkandidat. Aber vielleicht lag es daran, dass sich Ground Zero damals, im Frühjahr 2002, schon in eine riesige Baustelle verwandelt hatte, vor der einen die Bedrohung und der Schrecken schon nicht mehr so unmittelbar gefangen hielten. Jedenfalls war Stoiber in Washington beim Thema Irak instinktiv ins Abwehren und Lavieren geraten.

Später konnte man das als Vorschein auf einen Wahlkampf deuten, in dem sich der Kandidat mit dem Amtsinhaber einen skurrilen Wettlauf um die jeweils pazifistischste Tagesposition lieferte. Im Kriegsfalle, so erklärte der CSU-Vorsitzende, der schon als "künftiger Bundeskanzler" auftrat, würde er nicht nur die deutschen Spürpanzer aus Kuweit abziehen, sondern den USA auch die Überflugrechte und die Bewegungsfreiheit zur Nutzung ihrer deutschen Stützpunkte verweigern. Damit markierte Stoiber – lange vor "Goslar" – einen Tiefpunkt in den transatlantischen Beziehungen. Der Aufschrei unter den deutschen Konservativen blieb aus.

Sicher war der Kanzlerkandidat, der schon bei den innenpolitischen Reformthemen jedes Risiko mied, genau der Richtige, um die Unterschiede auch in der Kriegsfrage zu minimieren. Aber es war ja die gesamte Union, die sich mit ihrem Scheinpazifismus durch den Wahlkampf schlängelte. Auch Angela Merkel hat seinerzeit nicht vernehmbar widersprochen und den außenpolitischen Kurs der Union geradegezogen – so wie sie es seit dem Gewinn der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen versucht.

Es war Wolfgang Schäuble, der anfangs seine Partei noch auf eine Gegenposition zum kategorischen Nein des Kanzlers einstimmen wollte: Einen von der UN mandatierten Angriff auf den Irak müsse die Bundesrepublik politisch unterstützen. Und selbst eine militärische Beteiligung – freilich im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten der Bundeswehr – wollte Schäuble in Aussicht stellen. Im Grunde ist das die Position, wie sie von Angela Merkel – drei Wahlkämpfe später – auf der Münchener Sicherheitskonferenz vorgetragen wurde. Nur damals, im Sommer 2002, lösten die Agenturmeldungen über Schäubles Ansichten in den Wahlkampfzentralen von CDU und CSU Angst und Schrecken aus.