Als Tabea Böhm die zehnte Klasse mit vielen Einsern und Zweiern im Zeugnis abschloß, war sie noch nie in einem Klassenzimmer gesessen, hatte nie Mitschüler kennen gelernt und ihre Lehrer höchstens einmal im Jahr gesehen – in den Ferien, wenn die Familie auf Heimaturlaub war. Schule, das war für sie Pakete öffnen, Briefe abschicken, auf Briefe warten. Tabea Böhm war zehn Jahre lang Fernschülerin. Bekam per Post Schulbücher, Hefte, Klassenarbeiten, und auch das Zeugnis lag im Briefkasten. Jetzt bereitet sie sich in Gießen auf ihr Abitur vor. Geboren und aufgewachsen ist sie in Pasrur, Pakistan, ihre Eltern leiten dort seit 22 Jahren ein Internat und Waisenheim. Die nächste deutsche Schule ist in Karatschi, zu viele Kilometer von Pasrur entfernt, also musste der Unterricht nach Hause kommen.

Die Klassen eins bis vier hatte Tabea mit den Deutsch-, Mathe- und Sachkundelektionen der deutschen Fernschule Wetzlar absolviert. Dabei übernahm die Mutter noch die Rolle der Lehrerin. Bis zur zehnten Klasse hat sie dann selbstständig mit den Unterlagen des Instituts für Lernsysteme (ILS) gepaukt. Rund 500 solcher Fernschüler in 75 Ländern haben die Fachlehrer des ILS im vergangenen Jahr betreut. In Laos, auf den Philippinen oder in Namibia. Vor 20 Jahren wurden die so genannten Fernlehrwerke gegründet, unterstützt vom Auswärtigen Amt. Damit die Kinder von Entwicklungshelfern oder von Mitarbeitern deutscher Firmen im Ausland den Anschluss nicht verpassen. Die meisten sind nur zwei oder drei Jahre auf die Fernschule angewiesen, manche, so wie Tabea, fast ihr ganzes Schulleben lang. Für ihr Durchhaltevermögen und ihre Noten belohnte der Deutsche Fernschulverband die 17-Jährige mit einem Preis.

Pasrur ist eine Stadt in der Provinz Pandschab. Nicht weit von der Grenze zu Indien, rund 120 Kilometer von Lahore entfernt. Sie hat vielleicht 100000 Einwohner, so genau weiß man das nicht, sagt Tabea. Das Pandschab ist für pakistanische Verhältnisse eine reiche Gegend, in den Ebenen des Indus wewrden Reis und Weizen angebaut. Die Landessprache Urdu hat Tabea nebenbei gelernt, beim Spielen mit den Waisenkindern. Ihr erstes Wort war nicht deutsch, sondern urdu: pankha – Ventilator. Ein wichtiges Wort, im Sommer schafft es das Quecksilber regelmäßig auf 48 Grad im Schatten. Erlösung bringt erst der Monsun. In den Straßen von Pasrur drängen sich die Basarhändler mit ihren Eselskarren oder Pferdekutschen zwischen den Autos. Aber "draußen" war Tabea selten. Wenn, dann nur in Begleitung ihres Vaters. Es sei unüblich und gefährlich, als Frau im Pandschab allein unterwegs zu sein, sagt sie. Jeans oder Röcke hat sie in Pasrur nie getragen. Auch nicht im Haus. Sie hatte die gewöhnliche pakistanische Kleidung an: eine weite Hose, darüber ein langes Hemd bis zu den Knien.

"Irgendwie steh ich in der Mitte"

Die Schule hat sie sich in ihrem Zimmer eingerichtet, ein Schreibtisch, ein Regal, voll gestopft mit Schulbüchern: eine lateinische Grammatik, Mathehefte, Atlas, eine Ausgabe von Etudes Françaises – Famille Leroc hat es bis nach Pakistan geschafft. Im Zimmer nebenan lernte einer ihrer älteren Brüder, jetzt büffelt dort der jüngste – vier Kinder der Böhms gingen zur Fernschule. Tabeas Vater hat sie morgens geweckt, kurz nach sieben. Um acht hat sie sich an den Schreibtisch gesetzt, wenn sie den Stoff schnell durch hatte, war die Schule auch schon mal um zehn aus, wenn sie für etwas länger brauchte, eben erst nachmittags. Auch die Klassenarbeiten hat sie hier geschrieben, die ihre Lehrer dann korrigiert und benotet zurückschickten.

Rund zehn Fachlehrer betreuen derzeit die Schüler, mittels Briefen, per E-Mail oder Telefon. Zweimal im Jahr schnürt das Fernlehrwerk ein großes Paket mit Schulmaterial, vom Radiergummi bis zum Chemiebaukasten, dazu Hefte, in denen beschrieben ist, wie und was die Schüler lernen sollen, sagt Inge Döll-Krämer, Studienleiterin beim ILS. 18 Fächer werden so abgedeckt, von Deutsch bis Physik, jeweils zugeschnitten auf die Schulart, Real- oder Hauptschule, Gymnasium bis zur zehnten Klasse. Auch Musikunterricht kommt nicht zu kurz. Die Schüler schicken Kassetten mit ihren Liedern, gern erinnert sich Döll-Krämer an Ein Männlein steht im Walde auf Kisuaheli. Tabea hatte pakistanische Musik aufgenommen und wie in einer Radiosendung moderiert. Auch der Sprachunterricht funktioniert mit Kassetten. Mit den Schulpaketen kommt ein Stundenplan. Vorgesehen sind fünf Tage die Woche, vierzig Wochen das Jahr. Angepasst an das Schuljahr in Deutschland, damit der Wiedereinstieg möglichst glatt läuft. Der funktioniert in den meisten Fällen gut, sagt Döll-Krämer, das haben auch wissenschaftliche Begleituntersuchungen ergeben.

Die "richtige" Schule hat Tabea in Gießen eingeholt. Da war auch schon ihr Bruder. Die Universitätsstadt in Mittelhessen hat 80000 Einwohner, etwas über 20000 Studenten, Kinos, Cafés, Theater, Kneipen. Unbekanntes Terrain für Tabea Böhm, mit dem sie sich erst anfreunden musste. Anfangs hatte sie immer ein bisschen Angst, allein aus dem Haus zu gehen, mit dem Bus zu fahren und sich mit anderen zu treffen. Was für ihre Mitschüler ganz gewöhnlich war, "war für mich eben gar nicht normal". In der Zwischenzeit kommt sie in Gießen gut klar. Wo ist sie zu Hause? "Das ist schwer zu sagen, meine Eltern sind ja noch in Pakistan. Irgendwie steh ich in der Mitte", sagt sie.

Anstrengend war es, als sie 2001 auf die August-Herrmann-Franke-Schule kam, ein christliches Gymnasium. Plötzlich saß sie im Unterricht nicht mehr allein, sondern zwischen 15 Klassenkameraden. In den Pausen wuselten Hunderte von Schülern herum. Wenn die anderen über Bücher, Filme oder Fernsehserien redeten, stand sie unsicher daneben, dachte: "Ist es jetzt richtig oder falsch, was ich sage?" Sie hat nichts von dem gelesen oder gesehen, was die anderen kennen. Was in Deutschland vor sich ging, wusste sie nur von kurzen Besuchen und aus den Berichten der Deutschen Welle, die in Pasrur aus dem Radio krächzten.