Es ist alles verschwunden - abgerissen, eingeschmolzen, verbrannt. Wer heute nach Eisenhüttenstadt kommt, findet keinen Hinweise mehr auf das, was hier einmal war. Die Bahnhofstraße hieß früher Stalinallee. Wo jetzt eine Filiale von "Burger King" steht, war damals das Werkstor des Eisenhüttenkombinats .J.W. Stalin. Durch die Lindenallee, die seinerzeit Leninallee hieß, trugen am 1. Mai Junge Pioniere Stalin-Bilder. Vom Giebel des "Kaufhaus Magnet" grüßte ein überlebensgroßer Hüttenarbeiter mit der Parole, unter der all dies stand: "Stalinstadt - erste sozialistische Stadt Deutschlands".

Von alldem kann man nichts sehen. Man sieht nur die Verwunderung in den Augen der Einheimischen, wenn man sich für die alten Geschichten interessiert. "Es war doch nur ein Name", meint Horst Siebert, der damals als Anwohner in das Spektakel hineingezogen wurde. Der Name und die Geschichten sind alles, was vom kühnsten und kläglichsten Sozialexperiment der DDR bleibt.

Die acht Jahre von Stalinstadt beginnen am 7.Mai 1953 mit dem Auftritt eines Gespenstes. Josef Stalin weiht den ersten volkseigenen Hochofen und die zugehörigen Wohnanlagen ein, in denen die Utopie vom neuen Zusammenleben Wirklichkeit werden soll: "Der feierliche Ernst seiner Gesichtszüge ist einem gütigen, väterlichen Aussehen gewichen. Zart spielt der Wind mit Silberfäden seines Haupthaares. Grünumgebene Frühlingsblumen heben ihre Köpfe höher, die Amseln im nahen Forst schlagen heller: Stalin schreitet durch das Kombinat." So schreibt der Reporter der örtlichen Tageszeitung in der Ausgabe vom folgenden Tag.

Seine Leser wissen natürlich, dass Stalin zu diesem Zeitpunkt schon zwei Monate tot ist. Eben hat die Führung der KPdSU seinen Leib in das Lenin-Mausoleum überführt. Aber es gilt eine Peinlichkeit zu kaschieren: Die DDR hat es versäumt, beizeiten eine Stadt nach ihrem "Befreier" zu benennen. Auch die mit sowjetischer Hilfe erbauten Wohnviertel des Eisenhüttenkombinats sollte eigentlich Karl Marx zugeeignet werden. Aber solange man wenigstens Stalins Geist gewogen stimmen kann, ist das Schlimmste vermieden, Materialismus hin oder her.

Walter Ulbricht erscheint körperlich zur Nottaufe und lobt "den weisen Stalin, den großen Baumeister des Sozialismus". Stalinstadt soll es Magnitogorsk gleichtun und zeigen, wie vereinter Wille eine Idealstadt mit stählernem Herzen aus dem Boden stampfen kann. An nichts würde es fehlen, bis auf private Geschäfte natürlich. Und die Kirche.

Einen Turm brauche man nur für das Rathaus – dieser Satz Ulbrichts liegt Heinz Bräuer, der 1953 als Pfarrer nach Stalinstadt kam, noch heute auf der Zunge. Er erinnert sich auch an den Beifall der Menge. "Orkanartig" nannte ihn damals der Rundfunk. "Routiniert" fand ihn Bräuer: "Es war üblich, nach fast jedem Satz zu klatschen."

Bald darauf schwand seine Gemeinde. Schulklassen und Brigaden traten geschlossen aus, manche Mitglieder sogar mehrfach. Bräuer predigte für wenige Getreue in Dachkammern und Baracken. Heute ist er 86 und lebt in einem kleinen Haus mit Blick auf die Kirche. Nach der Wende hat ihn Eisenhüttenstadt zum Ehrenbürger gemacht. Demnächst will man sogar eine Straße nach ihm benennen. "Der Brauch", sagt er, damit es nicht stolz klingt, "kommt noch von den Kommunisten." Er hat sie überlebt.

Auch die Sieberts konnten sich auf ihre Art gegen die Ortsdoktrin behaupten, indem sie ihren Schiffswindenbetrieb bis zum Schluss vor der Verstaatlichung schützten. Sie haben die Stalinstädter nicht als besonders linientreu erlebt. Die meisten seien nur der Aussicht auf hohe Löhne und moderne Wohnungen gefolgt und hätten sich, meint Brigitte Siebert, mitunter sogar für den Namen ihrer neuen Heimat geschämt. Aber zugeben konnte das keiner: "Wenn ein Betrunkener über die Kette vom Ehrenmal gestolpert ist, hieß es doch schon, der hat die ruhmreiche Sowjetunion geschändet." Außerdem hatte es seine Vorzüge, als politisch zuverlässig zu gelten, ohne etwas dafür tun zu müssen. Die Zollabfertigung bei Reisen zur Westverwandschaft soll rascher abgewickelt worden sein, wenn man seinen Stalinstädter Personalausweis zückte.