* Seine Suche hat Gregor Hens auf Fotos festgehalten. Stationen auf der Reise zum Hotel California"

Richard hatte immer schon einen Knall, sagt meine Mutter, er hat damals zu viel LSD geschluckt. Timothy Leary hat er gelesen. Aktionen gemacht, ein bisschen gezündelt hat er wohl auch, dabei war das schon längst nicht mehr angesagt in den späten Siebzigern. Nur noch bei den völlig Radikalisierten und bei Black Power. In San Francisco und in Berkeley waren die Leute längst ganz anders drauf. Sie hatten den Vietnamkrieg und Stonewall schon beinahe vergessen, jetzt wollten sie erst einmal leben, gerade die Schwulen, fingen an, sich irgendwie einzurichten.

Es ging auf einmal nicht mehr um Bürgerrechte und um Politik, sondern um Lifestyle, um Gurus und Groupies und um Sex. Drogen, klar, aber nicht zur Befreiung aus restriktiven Verhältnissen, sondern damit der Sex besser wurde. Grateful Dead haben sie gehört und im Rolling Stone die Reportagen von Hunter S. Thompson gelesen, dem ersten und letzten postmodern-revolutionären Beatnikhippiezyniker, dem Vater des Gonzo-Journalismus, und haben sich dabei schlapp gelacht. Viel zu bekifft waren die, um irgendetwas wirklich ernst zu nehmen.

Dein Onkel Richard dagegen, sagt meine Mutter, war Fundamentalist. Hippie-Urgestein. Idealistisch und kompromisslos. Richard saß ja auch nicht in Haight Ashbury, wo die Flower-Power-Bewegung ihren Anfang nahm, sondern in Schöneberg. Er saß in seiner Wohnung und zupfte auf seiner Gitarre, oder er lief durch die Stadt und drehte experimentelle 8-Millimeter-Filme. Die sollten politisch sein, bedröhnt und engagiert, in the spirit of 1969 eben, aber das hat kein Mensch verstanden. Und im Radio lief den ganzen Tag nichts anderes als die Eagles. Hotel California. Welcome to the Hotel California. Such a lovely place. Such a lovely face. Eigentlich ein Kitschlied, Soft Rock, sentimental, aber irgendwie hat es die Leute ergriffen. Und nicht zuletzt auch Richard. Es war die erste offene Selbstkritik dieser Generation. Das erste Mal, dass jemand sagte, wir sind vom Weg abgekommen. Wir haben unsere Ideale verraten und sind dekadent geworden. Mirrors on the ceiling. The Pink champagne on ice und so weiter.

Jetzt ist der Mann todkrank und spindeldürr und steht aus seinem Rollstuhl auf, schreibt einen Zettel: "Ich bin mal weg. Auf der Suche nach dem Hotel California. Ich erfülle mir diesen Traum, solange ich es noch kann." Mutter sagt: Deshalb schicke ich dich auf die Reise, nach Kalifornien, du sollst Onkel Richard finden, ihn holen, zumindest auf ihn aufpassen, wenn er sich nicht überreden lässt zurückzukommen.

Er hat einen Flug nach Los Angeles gebucht, mehr wissen wir nicht. Also schauen wir im Internet nach, da gibt es Eagles-Seiten en masse, und lesen dort, dass auf dem Plattencover das Beverly Hills Hotel am Sunset Boulevard abgebildet ist. Das ist doch schon mal ein Anfang, sagt meine Mutter, drückt mir eine nagelneue Kreditkarte in die Hand und klopft mir auf die Schulter. Dann geht sie in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.

Mein Mietwagen, ein Chevy, hat einen CD-Player. What a nice surprise. Also halte ich, sobald ich von der Flughafenautobahn abgefahren bin, bei Tower Records und kaufe eine Eminem-CD und etwas Altes von den Beastie Boys. Und natürlich dieses Eagles-Album. Es ist sonnig und warm, und in Venice am Strand ist eine Menge los. Ich bin bei bester Laune, als ich mit heruntergelassenen Fenstern den Santa Monica Boulevard entlangrolle. Ich höre White America von Eminem, rauche eine Zigarette und denke, dass ich diese Reise Richard zu verdanken habe, meinem sympathischen, aber abgedrehten Onkel, und den langhaarigen Siebziger-Jahre-Rockern. Ich bin mal weg, hat er geschrieben! Auf der Suche nach dem Hotel California!