Die Konvention zur Tabakkontrolle, über die derzeit in Genf verhandelt wird, könnte Geschichte machen: Erstmals arbeiten die Mitgliedsländer der Weltgesundheitsorganisation WHO an einem Vertrag, der alle zum Handeln verpflichtet. Die Konferenzteilnehmer aus aller Welt ringen um ein umfassendes Werbeverbot, wollen die Warnhinweise auf den Schachteln vergrößern, irreführende Bezeichnungen abschaffen und den illegalen Handel mit Zigarretten eindämmen. Von einer "historischen Chance für die Gesundheit der Menschheit, die nicht vertan werden darf", schwärmt Friedrich Wiebel, Bundesvorsitzender des ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit. Vier Millionen Menschen sterben jährlich frühzeitig an den Folgen des Rauchens, davon 110000 in Deutschland.

Die meisten Länder plädieren auf der Konferenz für ein umfassendes Werbeverbot. Doch damit stoßen sie auf den Widerstand der USA, die seit dem Regierungsantritt von George W. Bush wirtschaftsfeindliche Maßnahmen ablehnen. Da der Vertrag einstimmig verabschiedet werden muss, kommt es vermutlich lediglich zu schärferen Restriktionen. Dies käme auch der Position Deutschlands entgegen.

Die Bundesrepublik widersetzt sich als einziges Land der EU einem Tabakwerbeverbot, angeblich aus verfassungsrechtlichen und wirtschaftlichen Gründen. "Dies ist ein absolutes Scheinargument", wettert Wiebel. Schon 1997 habe das Bundesverfassungsgericht wegen der Gesundheitsschäden durch das Rauchen ein Werbeverbot als möglich erachtet. Im Vorfeld der Konferenz schrumpfte unter deutschem Einfluss das "umfassende Verbot" zur "Restriktion". Diese weichgespülte Formulierung unterstützt nun auch Berlin.

Kenner der Szene gehen davon aus, dass auf der WHO-Konferenz ein Verbot irreführender Begriffe am einfachsten durchzusetzen sein wird. Verharmlosungen wie "mild", "teerarm" oder "light" dürften bald auf keiner Schachtel mehr zu lesen sein. Denn es gibt keine "gesünderen" Zigaretten. Nikotin und Teer sind lediglich zwei von Hunderten schädlicher Substanzen im Tabak.

Diffiziler wird die Diskussion um Zigarettenautomaten. Japan wäre bereit, die Automaten abzuschaffen, nicht aber Deutschland. Durchsetzen wird sich voraussichtlich, dass die Warnhinweise künftig 30 oder sogar 50 Prozent der Hauptoberfläche der Packung ausmachen und durch abschreckende Piktogramme verstärkt werden. Auch die verschärfte Bekämpfung des Zigarettenschmuggels steht im Vertrag – da billigere Produkte den Konsum fördern. Aus dem gleichen Grund fordert das Deutsche Krebsforschungszentrum eine flankierende Anhebung der Tabaksteuer. "Werden die Zigaretten teurer, reduziert sich der Konsum vor allem bei Jugendlichen", sagt Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention. In den USA sank nach einer Preissteigerung um ein Zehntel die Raucherquote bei Jugendlichen um 13 Prozent. Gleichzeitig drängen Gesundheitspolitiker auf Vorbeugung. "Wir müssen für die Jugendlichen die gesündere Entscheidung, also die gegen das Rauchen, attraktiver machen", sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Es gelte nicht, die Raucher schlecht zu machen, vielmehr müsse das Image des Nichtrauchens positiver werden.

Diese Strategie verfolgt auch die EU. Fußballstars und Popsänger unterstützen die Kampagne "Feel free to say no", die mit Fernsehspots und Plakaten hauptsächlich Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren erreichen will. "Unser Ziel ist, Rauchen als altmodisch rüberzubringen, hingegen Nichtrauchen als modern und cool", sagt die Projektleiterin Ute Gunsenheimer.

Währenddessen poliert die Tabakindustrie weiterhin an ihrem klassischen Image des Rauchers. Die Werbung zeigt ihn als abenteuerlustigen, entspannten, erotischen Menschen. Bislang behaupteten die Konzerne, Werbung beeinflusse nur den Marktanteil einer Marke. Doch eine Studie der Weltbank legt nahe, dass ein umfassendes Werbeverbot in Industrieländern den Anteil der rauchenden Bevölkerung um sieben Prozent senke. Dass gezielte Werbekampagnen zum Rauchen verführen, belegt folgendes Beispiel: Als Ende der sechziger Jahren speziell Frauen beworben wurden, verdreifachte sich die Einstiegsrate von 10- bis 17-jährigen Mädchen. Und in den neunziger Jahren befragte die St. John’s University in Jamaica/New York 1500 Jugendliche. Diese nannten Werbung als zweithäufigsten Grund, mit dem Rauchen angefangen zu haben.

Das durchschnittliche Einstiegsalter hierzulande liegt gemäß der jüngsten Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei 13,6 Jahren. Und tendenziell werden Zigaretten bei sehr jungen Jugendlichen immer beliebter. So stieg während der neunziger Jahre der Anteil der Raucher unter den 12- bis 17-Jährigen von 20 auf 28 Prozent. Den Höchststand erreicht er dann bei den 16- bis 25-Jährigen, von denen über 40 Prozent fluppen.