Kaum jemand hat den französischen Philosophen und Schriftsteller Maurice Blanchot zu Gesicht bekommen, das jüngste Foto stammt aus dem Jahre 1929 und zeigt ihn mit Emmanuel Lévinas bei der Lektüre von Heideggers Sein und Zeit. Blanchot, die geisterhafte Existenz, hatte vor einem halben Jahrhundert den Rückzug in die Diskretion angetreten. Im Mai 1968 ward er noch einmal gesehen, und dann verschwand er wieder in seinem Schatten. Er schien vergessen, aber doch allen im Gedächtnis. Wer ihn nicht kannte, kennt ihn doch. Er ist der Gründungsvater der dekonstruktivistischen Literaturtheorie, und die Faszination, die er auf Michel Foucault, Paul de Man und Jacques Derrida ausübte, war ungeheuer.

Es war eine kleine, 1948 entstandene Schrift, mit der Maurice Blanchot zwei Jahrzehnte später Epoche machte und sein Publikum in den Bann schlug. Die Literatur und das Recht auf den Tod lautete der Titel des Essays, in dem er in großartigen Suggestionen behauptete, das Ende der Kunst und die Entzauberung der Literatur hätten auch ihr Gutes. Niemand könne mehr übersehen, dass Sprache und Tod untrennbar verschlungen seien und jedes Wort auf eine "Abwesenheit", einen Mangel verweise. Schreiben ist Sterben und Sprache Entzug. Wovon die Wörter reden, ist fern

von uns getrennt durch eine tödliche Differenz. Wörter sind wie der Gesang der Sirenen

sie entziehen den Ideen den sicheren Grund, sie täuschen und locken. Sie wohnen nicht in einem "Haus des Seins", sondern im Exil. "Die Sprache ist das Leben, das den Tod erträgt und in ihm sich erhält."

Blanchot hatte Hegel mit den Augen von Kojève gelesen, um Heideggers Sprachphilosophie radikal umzudeuten. Heidegger habe eine Wahrheit, einen Ursprung hinter den Wörtern gesucht - und täuschte sich. Tatsächlich sei die Geschichte der Ort des Absoluten und habe der Sprache die metaphysische Wahrheit ausgetrieben. Hinter ihrem Versprechen ist nichts, nur das "Vergehen", die "Nacht", das "Grauen des Daseins, dem die Welt entglitten ist". Existenz ohne Sein - das ist die "wesentliche Einsamkeit" des Menschen, sein Tod im Leben. Diese Einsamkeit teilt er mit seiner Sprache. Becketts Malone schreibt aus "Angst vor der leeren Zeit", damit sie "nicht laut wird".

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob Blanchot die Sprache so rücksichtslos dekonstruiert hat, weil er in den dreißiger Jahren als Journalist rechtsradikalen Postillen seine Aufwartung gemacht und mythische "Wahrheiten" verkündet hatte. Sicher ist, dass ihm der Nationalsozialismus die Augen öffnete. Den Judenmord nannte Blanchot das "absolute Ereignis der Geschichte", das sogar der Sprache eine "entscheidende Verletzung" zugefügt und ihr die Traumenergien ausgetrieben habe. Vielleicht, so fürchtete er, hat "jede Erzählung, ja sogar die Poesie den Boden verloren, auf dem eine andere Sprache entstehen könnte".

Blanchot hat daraus eine sehr eigene Lehre gezogen. Wenn es stimmt, dass auf nichts Verlass und die Sprache vom Holocaust traumatisiert ist, dann müssen wir den Traum von der symbolischen Restauration und der wahren Sprache begraben. Nicht aufgeben aber dürfen wir den Traum der Literatur, den Widerstand gegen die "diktatorische" Sprache der Macht. Denn Literatur sei das "Negativ" des Gewöhnlichen, der Umweg, auf dem wir lernen, uns fremd zu werden. In ihrem "abgründigen Raum", zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren rettet Literatur die Sprache vor "dem Lauf der Welt" und verwandelt die alltägliche Rede in reine Aufmerksamkeit, in das Wunder des Beginnens: "Ein anderes Sprechen ist möglich." Literatur negiert das Absolute und hält seine Stelle doch offen. Derrida sagt es kaum anders.

Unverstellte Trauer, so hat Blanchot geschrieben, sei wie eine Schrift, die ihre Zeichen durchstreicht, bis nur eines bleibt: die spurlose Spur, das Vergessen als wahres Gedächtnis. Denn schon das Wort "Trauer" gebe dem Tod zu viel Sinn. - Vergangene Woche ist Maurice Blanchot im Alter von 95 Jahren in Yvelines gestorben.