"Du sollst an deinem Bruder nicht wuchern, weder mit Gelde, noch mit Speise, noch mit allem, damit man wuchern kann." Sagt die Bibel, die Kirche folgte ihr, 800 nach Christus verbot der Papst die Erhebung von Zinsen. Und regte damit nur die Fantasie von Geschäftsleuten wie den Medicis an, die es mit allerlei Tricks schafften, für den Geldverleih trotzdem Geld zu verlangen. Mit Erlaubnis der Kirche.

Die Scheinheiligkeit war ein Grund, dass sich die Kirche spaltete. Martin Luther, der Reformator, bestand darauf, dass "ein christlicher Mann die Freiheit besitzt, Geld zu verleihen", und hielt einen Zinssatz von fünf bis sechs Prozent keineswegs für ausbeuterisch. 1839 hob zwar auch die katholische Kirche das Zinsverbot auf, aber erst Papst Pius XII. erklärte 1950 offiziell, dass Bankiers "ihr Geld auf ehrliche Weise verdienen".

In der Zwischenzeit richtete die strikte Haltung des Heiligen Stuhls viel Schaden an. In Norditalien trieben illegale Pfandleiher und Zinswucherer ihr Unwesen. Unbeeindruckt von Fegefeuer und Hölle, verlangten sie Kreditzinsen von bis zu 80 Prozent und trugen zur Verelendung der Massen bei.

Um dem Wucher Einhalt zu gebieten, schlugen Franziskanermönche ein eigenes System vor. 1462 eröffnete die Stadt Perugia ein öffentliches Pfandleihhaus, ein Mons Pietatis (Berg der Barmherzigkeit), das nur zur Kostendeckung einen Kreditzins zwischen vier und zwölf Prozent verlangte. Trotz theologischer Bedenken gab Papst Pius II. dem Projekt seinen Segen, und das Modell vom barmherzigen Verleiher machte Schule. Von Italien bis England eröffneten Montes Pietatis ihre Schalter für die Unterschichten. Bald wurden sie zu veritablen Geldinstituten, die Guthaben von Privatleuten annahmen und ihnen dafür geringe Zinsen zahlten. Nach dem Vorbild der Montes Pietatis entwickelten sich in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert die in kommunaler Selbstverwaltung geführten Gemeindesparkassen. jfj