Immer wieder spielt Cosimo die Verbindung zum Papst aus. Vor allem, als er sich um das Recht bewirbt, Alaun abzubauen. Auf dem Boden der Kurie sind große Mengen dieses Kalium-Aluminium-Sulfats gefunden worden, das bis heute unerlässlich für das Färben von Stoffen und das Gerben von Leder ist. Der Pontifex gibt seinem Bankier den Zuschlag, und dessen Firmengruppe beherrscht fortan ein Kartell, das den Abbau von Alaun auf dem gesamten Kontinent kontrolliert.

Das Bank- und Handelshaus ist allgegenwärtig: Wer sich bei Medici in Florenz Geld leiht, um bei Medici in London Wolle einzukaufen, unterzeichnet einen Wechsel, der sechs Monate später bei der Medici-Bank in Brügge fällig wird. In den florentinischen Anlagen der Medici lässt der Kunde die Wolle verarbeiten und verkauft sie über die Medici-Filiale in Antwerpen an die Teppichweber von Flandern.

In den 1450ern erreichen die Medici einen Jahresumsatz, der den Reichtum mancher europäischer Staaten übertrifft. Ihr Unternehmen nimmt eine Dimension an, wie sie heute nur Weltkonzerne wie General Motors, Exxon-Mobil oder DaimlerChrysler haben.

Cosimos entscheidendes Mittel zum Erfolg ist dabei eine Strategie, die amerikanische Manager 500 Jahre später als neue Entdeckung feiern: Dezentralisierung. Oder anders gesagt: die Selbst-Entmachtung des Patriarchen.

Im Florenz des 13. und 14. Jahrhunderts sind die Medici zunächst nur eine von vielen erfolgreichen Bankiersfamilien. Jede dieser Familien hat ein Oberhaupt, den Patriarchen. Der ist persönlich haftender Gesellschafter des Unternehmens und absoluter Herrscher über die Sippe, die er nach der Devise regiert, dass nichts geschehe ohne sein Wort.

Cosimo de’ Medici denkt weiter, und er denkt modern. Kommunikation ist im 15. Jahrhundert mühsam, jede Depesche ist nur so schnell wie der beste Reiter auf dem besten Pferd. Die wirtschaftlichen Interessen des florentinischen Bankiers aber liegen längst außerhalb der Stadt. Also mindert er seine eigene Macht. Statt Geschäftsführer einzustellen, zu bezahlen und ihnen Anweisungen zu erteilen, die sie erst nach Wochen und Monaten erhalten, beteiligt Cosimo sie als Mitinhaber und gewährt ihnen größtmögliche Unabhängigkeit.

In der Villa Medici, dem prächtigen Firmensitz in der Via Larga in Florenz, arbeiten nicht mehr als zehn Männer in kleinen Stuben, ausgerüstet mit Federkielen und Rechenschiebern. Ihnen und seinen Managern draußen in der Welt überlässt Cosimo das Tagesgeschäft, während er selbst, oft die Nacht durcharbeitend, sich auf strategische Entscheidungen beschränkt, die Jahresabschlüsse kommentiert, die Limits für die Kreditvergabe festlegt oder zwischen marmorverkleideten Wänden europäische Fürsten empfängt, die Geld brauchen, um ihre Kriege zu finanzieren. So macht sich Cosimo de’ Medici zum ersten Vorstandschef der Wirtschaftsgeschichte. 1458 hält er Mehrheitsbeteiligungen an 13 Unternehmen, die alle seinen und den Namen eines Partners tragen. Jede Filiale der Bank und jedes der Industrieunternehmen agiert als juristisch eigenständige Firma.