Die Farbwörter des Naturvolks der Berinmo in Papua-Neuguinea sind ein Geschenk für alle Anhänger der Idee, dass die Sprache unser Weltbild formt. Wie viele andere Kulturen verwenden die Berinmo dasselbe Wort für blau und grün – also "blün" (oder "grue" wie angelsächsische Experten wegen green und blue notieren). Anderswo gibt es Sprachen, in denen statt einer eigenen Vokabel für "blau" das Wort für "dunkel" bemüht wird. Können Angehörige dieser Kulturen die Farben nicht unterscheiden, weil ihre Sprache keine Vokabeln dafür bereithält? Linguistische Relativisten argumentieren so. Ihre Grundidee geht auf Johann Gottfried von Herder und Wilhelm von Humboldt zurück. Populär wurde sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts dank der amerikanischen Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf als "Sapir-Whorf-Hypothese": "Menschen sind auf Gedeih und Verderb der Sprache ausgeliefert, die in ihrer Gesellschaft das Ausdrucksmittel geworden ist."

Kleiner Nachteil der Theorie: Sie verrät nicht, wie es zu den unterschiedlichen Sprachen kam, und verschiebt so lediglich das Problem. Auch andere Theorien konnten bisher die aus westlicher Sicht sonderbaren Gepflogenheiten nicht einleuchtend erklären.

Jetzt offeriert das Psychologenteam Delwin Lindsey und Angela Brown von der Ohio State University einen verblüffend einfachen Grund, warum so genannte blüne und dunkle Sprachen existieren.

Über einem Indiz brüten die Theoretiker nämlich schon lange. Die eigenwilligen Sprachen sind meist in den Tropen beheimatet. Weil die Menschen dort eine dunkle Haut haben, wurde vor 100 Jahren spekuliert: Die dafür verantwortlichen Pigmente könnten auch im Auge auftreten und das Sehvermögen für manche Farben trüben. So ließ sich die Erklärung nicht aufrechterhalten. Doch wenn Delwin Lindsey und Angela Brown Recht haben, liegt Blünheit tatsächlich im Auge des Betrachters: Die UV-Strahlen der starken Tropensonne setzen dem Sehorgan zu und nehmen ihm so das Blau.

Das geschieht gleich an zwei Stellen. Zum einen lassen UV-Strahlen die Linse des Auges schneller altern. In ihr sammeln sich im Lauf der Lebensjahre gelbliche Pigmente. Sie schlucken die kurzwellige Strahlung am blauen Ende des Spektrums. Von den Farben, die zwischen Blau und Grün liegen, kommen nur noch die grünlichen Anteile gut durch. Von reinem Blau bleibt dagegen kaum etwas, es wirkt dunkel. Zum zweiten schädigt das UV-Licht jene Zapfen, die in der Netzhaut auf Blaulicht reagieren.

Zum Test prüften die Forscher bei 203 Sprachen, wie sie es mit der Farbe Blau halten. Es ergab sich ein statistisch schlagkräftiger Zusammenhang: Je mehr UV-Licht vom Himmel brennt, desto schlechter stehen die Chancen für das Wörtchen Blau.

Im südlichen Afrika etwa, wo mehrere blüne Sprachen gedeihen, bekommen Menschen gut dreimal so viel UV-Strahlung ab wie im blauen London. Vielleicht noch mehr, weil sie häufiger draußen sind, wovon Lindsey und Brown wegen des britischen Wetters ausgehen. Die Augen eines 30-jährigen Afrikaners müssten also etwa ebenso stark geschädigt sein wie die eines 100-jährigen Mitteleuropäers.

Im Labor simulierten die Forscher den Alterungsprozess des Auges. Auf einem Bildschirm ließen sie Farben aufleuchten, die der Computer so verändert hatte, wie es die Linse in verschiedenen Alterungsstufen tut. Und tatsächlich: Je mehr sich die simulierte Augenlinse trübte, desto häufiger sahen die Teilnehmer Grün, wo einst Blau gewesen war.