St. Petersburg

Am kommenden Mittwoch soll Stalin ihr egal sein, einmal wenigstens. "Sein 50. Todestag ist eine geschichtliche Tatsache, aber kein Ereignis", sagt Irina Fliege trotzig. Sie will den 5. März ignorieren. Doch schon bald, wenn der Schnee in den Birkenwäldern nördlich von St. Petersburg weggeschmolzen ist, wird sie wieder nach den Leichen suchen, auf deren Knochen der "Vater des Volkes" mit dem gemütlichen Schnauz sein Imperium aufbaute. Noch immer liegen Hunderttausende Opfer des Stalinismus, Erschossene und im Gefängnis zu Tode Gefolterte, an unbekannten Orten unter Russlands Erde. Den meisten der Angehörigen ist bis heute eine Stätte der Trauer und des Andenkens verwehrt.

Irina Fliege gehört als Vorsitzende der privaten Organisation Memorial in St. Petersburg zu der winzigen Minderheit, die seit mehr als einem Jahrzehnt an dem Schutzwall aus Verdrängung, Gleichgültigkeit und Ablehnung kratzt, den die russische Gesellschaft um sich errichtet hat. In einem Land, in dem das Schwarzbuch des Kommunismus selbst als Ramschexemplar kaum Käufer fand, kann Memorial nur dank des Geldes ausländischer Stiftungen überleben. Grauhaarige Exdissidenten und jugendliche Aktivisten mühen sich hier, mit der Publikation von Erschießungslisten und Gedenkbüchern den Opfern ihren Namen zurückzugeben. Womöglich finden sie in den zumeist fensterlosen Räumen der Organisation auch ein wenig Erlösung von der Leugnungs- und Beschönigungskultur, die draußen herrscht. Nur: "Ohne die notwendige Selbsterkenntnis kann es in Russland keine demokratische Entwicklung geben", klagt Irina Fliege. Deshalb gräbt sie weiter nach der historischen Wahrheit, notfalls mit Georadar und Spaten.

Im Sommer vergangenen Jahres stieß die Memorial-Suchgruppe auf einem Truppenübungsplatz bei Toksowo nördlich von St. Petersburg auf menschliche Überreste. Bisher war in der Stadt der Oktoberrevolution nur der Friedhof von Lewaschowo als Gebeinstätte für die Opfer des stalinistischen Terrors bekannt. Noch 1989 bewachten Schergen und Bluthunde des KGB hinter einem mannshohen Zaun die verscharrten Leichen der Verhafteten, die zwischen 1937 und 1964 in den Kellern der Geheimdienstzentrale "Großes Haus" starben. Etwa 24000 Tote wurden nach Lewaschowo gekarrt, doch allein der "Säuberung" 1937 und 1938 fielen im damaligen Leningrad und in der Umgebung 40000 Menschen zum Opfer. Grund genug, die Existenz eines weiteren Massengrabes zu vermuten. Die Suche dauerte fünf Jahre.

"Wir haben die Indizien wie ein Puzzle zusammengesetzt", berichtet Irina Fliege. Ein früherer Fahrer der Todeswagen, im Volk "schwarze Raben" genannt, sank vor einer Lichtung auf die Knie und brach in Tränen aus. Doch den Hinrichtungsort konnte er nicht mehr finden. Die Aktivisten studierten Luftbilder, die deutsche Aufklärungsflugzeuge im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten. Auf Landkarten von 1924, deren Siegel "Nur für den Dienstgebrauch" noch heute gültig ist, ermittelten sie den Verlauf der Waldstraßen; sie untersuchten Bodenveränderungen und den Grundwasserspiegel. Im August vergangenen Jahres hatten sie endlich 50 Gruben ausfindig gemacht. Eine davon öffnete die Suchgruppe und stieß auf menschliche Überreste. Die Schädel hatten Einschusslöcher im Scheitelbein. Die ballistische Untersuchung einer Patronenhülse ergab, dass sie aus einem großkalibrigen Revolver stammte, wie er damals beim sowjetischen Geheimdienst NKWD viel benutzt wurde. "Bis zu 30000 Leichen könnten in den Massengräbern liegen", schätzt Fliege.

Der Truppenübungsplatz hatte für die Henker den Vorteil, dass er öffentlich nicht zugänglich war und Schüsse kaum auffielen. Doch einige Zeugen überlebten, Zeugen wie Dawyd Pelganen. Auf der Suche nach Birkenpilzen streifte der Junge in den dreißiger Jahren durch die Wälder, bis er Knochen fand, die aus dem Boden ragten. Voller Angst lief er in sein von Finnen bewohntes Heimatdorf Kourumjaki zurück. Der Ortspolizist schärfte ihm ein: "Wenn du jemandem davon ein Wort sagst, liegst du selbst bald dort." Erst seit kurzem spricht der 77-jährige Pelganen über seine Erinnerungen: Vom Dorf aus konnte er nachts die Scheinwerfer der Autos sehen, die wie Finger über die Waldwege tasteten und erloschen. Manchmal wehte der Wind das Knallen der Schüsse ins Dorf hinüber.

Memorial möchte Stalins Totenfeld in diesem Jahr mit Georadar und Bodenproben untersuchen und als Gedenkstätte abgrenzen. "Die Toten sollen ihre Würde wiedererhalten", fordert Irina Fliege. Doch der Fund stößt bisher auf Desinteresse. Über den Gräbern schießt weiter die Artillerie. Der Geheimdienst FSB antwortete auf einen Brief mit einem einzigen Satz: Über den vermuteten Hinrichtungsort gebe es keine Dokumente. Die Militärstaatsanwaltschaft beteuerte, auf dem Übungsgelände seien trotz der vielen Sprengungen noch nie Leichenteile zutage getreten. Der örtliche Kommandant bat, das Gebiet nur angemeldet zu betreten. Leutselig fügte er hinzu, nach 14 Uhr und am Wochenende werde sowieso nicht geschossen. Dazu fehle die Munition. Doch als eine Memorial-Gruppe Ende September ein weiteres Mal zum Grabfeld fahren wollte, musste sie ihre Autos fünf Kilometer entfernt stehen lassen. In der Waldstraße klaffte ein frisch gesprengtes, metertiefes Loch.

Die Arbeit von Memorial stört viele im heutigen Russland. Breites Interesse an der eigenen Geschichte schien nur zum Ende der Perestrojka auf. Unter Staatschef Michail Gorbatschow öffneten sich damals die Kellertüren der Staatsarchive und gaben einen sensationellen Blick auf die Leichen des Sowjetregimes frei. Doch die Protagonisten der alten und der neuen Politikerschar wichen jeder aufrichtigen Beschäftigung mit den kommunistischen Verbrechen aus. Forderungen aus der Bevölkerung nach einer Wahrheitskommission und einem "Nürnberger Prozess" für Moskaus Unrechtstaten verstummten vor der Springflut der freigegebenen Preise und der Angst ums Überleben. Im Chaos des Zerfalls wollte sich kaum jemand den vermeintlichen Glanz der Vergangenheit blind reden lassen. Die Archive, die den Historikern ein paar Knochen freigegeben hatten, reglementierten wieder den Zugang zum Gesamtskelett.