Frau Strehle, woran erkennen Sie, dass jemandem etwas nicht steht?

Gabriele Strehle: Wenn ich sofort auf die Klamotten schaue anstatt auf den Menschen, dann weiß ich: Da stimmt was nicht. Für mich ist wichtig, dass man bei einer Person zunächst auf das Gesicht und den Charakter achtet – und wenn ich mich darauf nicht konzentrieren kann, weil ich vor lauter Hemd oder Bluse keine Ruhe finde, dann stört etwas.

Kann man lernen, sich gut anzuziehen, einen eigenen Stil zu entwickeln?

Gabriele Strehle: In Italien geht der Vater mit dem Sohn den ersten Anzug kaufen, das ist für alle Beteiligten ein Ritual, ein heiliges unvergessliches Erlebnis. Bei uns in Deutschland dagegen kauft die Mutter für den Sohn den Anzug, und wenn er nicht richtig passt: "Ach, du wächst schon noch rein." So wird das Stil-Empfinden gleich abgewürgt. Stil ist für mich Qualitätsbewusstsein, keine Effekthascherei. Stilbewusstsein ist in jedem Menschen erst einmal vorhanden, nur wenn es nicht sensibilisiert, wenn es früh abgetötet wird, dann liegt es später brach. Wir Frauen entdecken zum Beispiel schon sehr früh Dinge wie die Körperpflege, Männer kommen da erst später drauf.

Viele Menschen glauben, dass eine besonders hohe Zahl an Kleidungsstücken sie vor stilistischer Einsilbigkeit schützt. Wie geht es Ihnen, platzt Ihr Schrank aus allen Nähten?

Gabriele Strehle: Nein. Ich habe einen sehr übersichtlichen Kleiderschrank.

Wie viele Hosen haben Sie zur Auswahl?