"In meinem Traum ist der amerikanische Präsident ein Visionär. Er würde keinen Krieg gegen den Irak beginnen – aus der Überzeugung heraus, dass alle Leben gleich wertvoll sind"

Neulich erzählte mir eine Amerikanerin eine kleine Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat. Nach einer Rede von Präsident Bush, die im Fernsehen übertragen wurde, habe ihre achtjährige Tochter sie gefragt: "Warum sagt der Präsident immer ›Gott segne Amerika‹? Warum sagt er nicht ›Gott segne die Welt‹?"

Ich träume, dass ich den Fernseher einschalte und höre, wie der amerikanische Präsident eine historische Rede hält, die er nicht mit dem Satz "Gott segne Amerika", beendet, sondern mit "Gott segne die Welt". Seine brillante Rede beginnt er mit den Worten:

"Ich habe eine Vision. Ich bin der Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine besondere Verantwortung haben. Es ist kurzsichtig, unser Interesse nur auf das amerikanische Wohl zu begrenzen. Alle Menschen dieser Welt sind gleichberechtigt, alle Menschen haben dieselben Bedürfnisse. Deshalb brauchen wir wieder einen New Deal, ein gerechtes Abkommen für unsere Gesellschaft und die zukünftigen Generationen."

Doch was ist Gerechtigkeit? "Die Quelle der Ethik", sagt der amerikanische Präsident in meinem Traum, "ist die goldene Regel: Tu einem anderen nur das an, von dem du dir wünscht, dass es dir selbst angetan wird. Die goldene Regel basiert auf dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." Natürlich ist es nicht einfach, zu bestimmen, was das Richtige ist. Doch ich habe den Traum, dass Amerika, das letzte Imperium, die goldene Regel und Kants Philosophie der praktischen Vernunft zur Grundlage eines neuen New Deal machen wird.

In seiner Rede bezieht sich der amerikanische Präsident auf John Rawls. Dieser amerikanische Moralphilosoph des 20. Jahrhunderts ist der Frage nachgegangen, was Gerechtigkeit ist und wie eine gerechte Gesellschaft aussehen kann.

Ein liberaler, demokratischer Staat, so argumentiert Rawls, kann und muss soziale Gerechtigkeit garantieren. Jeder Bürger hat – unabhängig von seiner ethnischen Herkunft und dem sozialen oder wirtschaftlichen Stand – die gleichen Rechte, wie die Freiheit des Denkens und der Entwicklung, die Freiheit der Religion und vor allem Chancengleichheit.

Der amerikanische Präsident sagt also: "Ich habe einen Traum. Ich stelle mir einen internationalen Rat vor, dessen Mitglieder gerechte Gesetze für einen idealen Staat machen, an denen sich dann alle Völker orientieren. Nachdem die Mitglieder des Komitees die Gesetze verabschiedet haben, werden sie tot umfallen. Und dann wiedergeboren werden. Sie wissen nicht, wann – ob am nächsten Morgen, in hundert oder in tausend Jahren. Sie wissen nicht, wo sie wiedergeboren werden, auch nicht, ob als Mann oder als Frau, ob mit schwarzer oder weißer Hautfarbe. Heutzutage würde ich es in vielen Ländern nicht wagen, als Frau wiedergeboren zu werden. Doch in meinem Traum wird jedes Ratsmitglied gerade in jene Gesellschaft zurückkehren, deren Gesetze er oder sie selbst verabschiedet hat. So könnte es passieren, dass ein Araber als Frau im Iran oder in Saudi-Arabien wiedergeboren würde. Also würde er es nicht wagen, Gesetze zu machen, nach denen sich Frauen mit einem Tschador bedecken müssten oder kein Auto fahren dürften. Ein Weißer würde nicht wagen, Gesetze zu verabschieden, die Schwarze diskriminieren. Ein Apartheidsstaat wie Südafrika hätte dann nie existiert.