Schule kann Schicksal sein. In manchen Schulen in Deutschland gilt das besonders, wie die jüngste Auswertung des Pisa-Tests belegt, die diese Woche veröffentlicht wurde: Demnach erzielen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz fast ein Drittel der Realschüler bessere Mathematikleistungen als viele Gymnasiasten des Landes. In Bayern würden sogar 40 Prozent der getesteten Realschüler mit ihren Mathematikkenntnissen auch im Gymnasium zurechtkommen. Die meisten wechseln jedoch auch nach der zehnten Klasse nicht auf das Gymnasium, sondern verlassen die Schule – ohne Aussicht auf Abitur, Studium und hohen Verdienst.

Nach den groben Leistungsvergleichen im vergangenen Jahr folgt nun die Detailanalyse der Pisa-Daten. Kein Land der Welt will es dabei so genau wissen wie die Bundesrepublik. Noch einmal legt das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung mehr als 500 Seiten Interpretation vor, um das zerklüftete deutsche Schulsystem durchschaubarer zu machen. Sie zeichnen ein noch düstereres Bild der Schüler aus Migrantenfamilien, als bisher angenommen, und analysieren die beträchtlichen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Gleichzeitig widerlegen die Berliner Forscher das Argument, Deutschland würde bei Pisa nur deshalb so schlecht abschneiden, weil die Test-Aufgaben unseren Lehrplänen fremd seien: Auch wenn man nur jene Aufgaben in Rechnung stellt, die hiesige Lehrplanexperten als Deutschland-kompatibel bezeichnen, kommt man im internationalen Vergleich zum bekannten blamablen Ergebnis.

Die interessantesten Erkenntnisse liefert die neue Studie jedoch, wenn sie die Schulformen miteinander vergleicht. Dabei straft sie all jene Lügen, die meinen, die deutsche Schule sortiere ihre Schüler allein nach Leistung und Begabung. So lesen immerhin 10 Prozent der Hauptschüler auf gymnasialem Niveau. Dieses Können erhöht jedoch kaum ihre Bildungschancen. Der lang gehegte Verdacht, dass Schüler im Gymnasium gefördert werden, während sie – trotz gleicher Voraussetzungen – in der Hauptschule eher resignieren, wird in der neusten Pisa-Analyse bestätigt.

Angesichts dieser Daten ist das Bestreben vieler Eltern, die Haupt- und Realschule zu meiden und ihre Kinder auch gegen den Rat des Lehrers aufs Gymnasium zu schicken, nur verständlich. In manchen Bundesländern hat sich die einstige Oberschule fast zur Gesamtschule entwickelt, so groß sind hier die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern. Eine pädagogisch starke Schule allerdings ist das deutsche Gymnasium im Allgemeinen nicht. In den meisten Bundesländern erreichen schwache Gymnasiasten nicht einmal das mittlere Leistungsniveau der Realschule.

Dass die Schulverdrossenheit sich im Gymnasium besonders leistungshemmend auszuwirken scheint, hatte bereits die so genannte Lern-Ausgangslagen-Untersuchung (LAU) in Hamburg gezeigt. Die Studie testete die Leistungen von Schülern über mehrere Jahre und kam zu dem erstaunlichen Schluss, dass die Gymnasiasten der Hansestadt zwischen der siebten und neunten Klasse so gut wie keine Lernfortschritte machen. Vielleicht findet sich hier eine Erklärung dafür, dass die deutschen Schüler im internationalen Vergleich an der Leistungsspitze so schwach vertreten sind.

Ebenso überraschend wie die großen Überschneidungen von Gymnasium, Real- und Hauptschule sind die enormen Unterschiede, welche die neueste Pisa-Analyse zwischen einzelnen Schulen desselben Typs ausmacht. Sie ermittelt bei Schülern unterschiedlicher Gymnasien teilweise größere Leistungsdifferenzen als zwischen Gymnasien und Realschulen. In den Zensuren spiegelt sich das unterschiedliche Können jedoch nur wahllos wider, wie ein Vergleich der Zensurenvergabe in sechs Bundesländern belegt. Ein Gymnasiast kann für die gleiche Leistung – je nach Bundesland und Schule – eine Zwei plus oder eine Vier minus erhalten. Noch größer ist die Beliebigkeit der Notengebung in den Gesamtschulen. In Bayern und Baden-Württemberg kommt die Notenvergabe den tatsächlichen Schülerleistungen noch am nächsten.

Derzeit laufen die letzten Vorbereitungen für die Erhebungen von Pisa 2003. Der Test beginnt Ende April. Schwerpunkt ist diesmal Mathematik. In diesem Fach wird den deutschen Schülern schon seit der sogenannten Timss-Studie attestiert, dass sie beim Lösen von Routineaufgaben passabel abschneiden, aber einbrechen, sobald sie selbstständig Probleme lösen müssen. An Selbstständigkeit mangelt es dem ganzen System, den Schulen, den Schülern und auch den Lehrern.

Über die Pädagogen gibt es neue Erkenntnisse, die zwar in der neuen Studie noch nicht veröffentlicht wurden, die aber der Wissenschaftliche Leiter der deutschen Pisa-Studie, Jürgen Baumert, kürzlich schon einmal nannte. Die Befunde müssten den Berufsstand der Lehrer und seine Verbände in große Nachdenklichkeit stürzen. Denn die Lehrer kennen ihre Schüler äußerst schlecht – und das gilt ausgerechnet für die Elite der Pädagogen, solche, die an Lehrplänen mitwirken oder Schulbücher schreiben. Sie wurden gefragt, welche Pisa-Aufgaben ihre Schüler wohl lösen könnten. Der Schnitt der Gymnasiallehrer meinte, mehr als 80 Prozent ihrer Schüler würden die Kompetenzstufe fünf erreichen, die höchste von allen. Die Hauptschullehrer vermuteten immerhin noch 60 Prozent ihrer Schüler auf diesem Niveau. Tatsächlich bewältigten die anspruchsvollsten Aufgaben gerade einmal 0,3 Prozent der Hauptschüler. Und nur 29 Prozent der 15-Jährigen im Gymnasium gehören – ganz im Gegensatz zur Erwartung ihrer Lehrer – zur Spitze.