Es war Ronald Schusterman, der im Meereslaboratorium in Santa Cruz der Denkfähigkeit von Seelöwen auf die Schliche kam. Er brachte seinen Versuchstieren eine Art Grammatik bei. Anders als im Zirkus lernen Schustermans Robben keine Befehle für komplexe Handlungen, sondern müssen einzelne Signale wie die Wörter eines Satzes zusammensetzen: zum Beispiel "berühren – Ball – klein" oder "überspringen – Kanister – schwarz". Als Schusterman verschiedene Objekte in unterschiedlichen Farben und Größen ins Versuchsbassin warf, begriffen die Seelöwen sehr schnell, dass Eigenschaften wie klein relativ sind. Dass also der gleiche Ball, der eben noch klein war, in Kombination mit noch kleineren Bällen zu einem großen Ball wird. "Ich glaube, Seelöwen haben eine Denkfähigkeit", sagt Schusterman, "sie können unterschiedliche Zeichen völlig neu zusammensetzen und verknüpfen. Das ist es, was Denken ausmacht."

Das meint auch Guido Dehnhardt. Er fand heraus, dass Seelöwen in einer Bildfolge gezeichneter Würfel erkennen, welche davon gleich sind. Und zwar auch dann, wenn die Würfel perspektivisch verdreht dargestellt werden. "Das funktioniert sogar", sagt Dehnhardt, "wenn die eine Darstellungsweise Linien verdeckt, die in der anderen Darstellung sichtbar sind." Selbst für Menschen ist das knifflig.

Stets helle dank Schnurrhaaren

Viele Leute glauben, dass Tiere intelligent sind. Aber es ist schwer, dies auch zu beweisen – zumal bei Meerestieren. Zwar könnten die geistigen Fähigkeiten von Seelöwen durchaus an die der Primaten heranreichen, doch ein Vergleich ist problematisch. Ihre Intelligenz hat sich in Lebensräumen entwickelt, in denen Affen oder Menschen hilflos wären. Beispielsweise in Tiefen von über hundert Metern mitten im Ozean. Obendrein besitzt ihre Sinneswelt eine zusätzliche Dimension: Durch ihre hoch sensiblen Vibrissen (Schnurrhaare) können sie mit geschlossenen Augen Objekte orten und erkennen. "Seelöwen sind an eine vollkommen andere Umwelt angepasst", sagt die Biologin Monika Lechermeier, die im Nürnberger Zoo mit Seelöwen arbeitet, "dennoch gibt es erstaunliche Parallelen."

Lechermeiers Kollege, der Biopsychologe Martin Böye, konnte nachweisen, dass das Kommunikationsvermögen der Robben wie bei Menschen und Affen in der linken Gehirnhälfte angesiedelt ist. Ein anders Teammitglied brachte die Seelöwin Ella dazu, Mengen zu erfassen. Ella lernte Tafeln mit gleich großen schwarzen Punkten zu unterscheiden, auf denen jeweils nur ein Punkt mehr oder weniger abgebildet war. Sie schaffte es bis zur einer Zahl von sieben Punkten. Das entspricht in etwa der Leistung eines dreijährigen Kindes.

Einiges deutet also darauf hin, dass die Evolution auch in den Seelöwen so etwas wie Meeresprimaten hervorgebracht hat. In Nürnberg verstehen sich die zwei aquatischen Intelligenzbestien übrigens bestens. Beim Planschen im Delfinarium legt Seelöwenbulle Mike zärtlich seine Flosse um Delfinweibchen Jenny, wenn die beiden synchron durchs Becken schwimmen. Freundschaft? Wer weiß, vielleicht betrachtet Mike seine Jenny auch als Haustier.