Ditchley Park

Unter den Wagenrädern knirscht der Kies. Das Gepäck wird vom Butlergehilfen aufs Zimmer gebracht. Im Salon wartet unter Hirschgeweihen und dürftig verhüllten Stucknymphen schon eine rundliche Dame in schwarzem Kleid und gestärkter Schürze mit frischem Tee. Wer zu einer Konferenz auf diesem englischen Landsitz eingeladen wird, begreift sofort, dass er nicht hier ist, um eine neue Weltordnung zu planen. Es kostet schon genug Kunst und Energie, die Welt so zu bewahren, wie sie ist …

Die Treffen in Ditchley wurzeln in der geistigen Ruinenlandschaft des kriegszerstörten Europas: Seit einem halben Jahrhundert wird in diesem great house von anno 1720 in der Nähe von Oxford das Leitungspersonal der Alten und Neuen Welt in wechselnden Besetzungen zusammengebracht, um in ländlicher Abgeschiedenheit miteinander zu diskutieren: Begegnungswochenenden für das gehobene Management der neu gegründeten politischen Schicksalsgemeinschaft namens "Westen". Dahinter stand (und steht) die liebenswürdig- vernünftige These, dass das Streitgespräch von Mensch zu Mensch am filzbedeckten Konferenztisch oder beim Spaziergang zwischen den Kühen im Park ehemalige Feinde einander näher bringt als jeder diplomatische Notenaustausch.

Regelmäßige Vergewisserungen – wie kürzlich wieder – über Zustand und Zukunft des bewaffneten Arms der transatlantischen Allianz gehören in Ditchley von jeher zum vertrauten, um nicht zu sagen: ritualisierten Kerngeschäft. Doch in diesem Jahr war die Bestürzung groß. Denn im Januar ist die größte Krise in der 54-jährigen Geschichte der Nato ausgebrochen – und das ausgerechnet wegen eines Streits um das zentrale Credo des Bündnisses: die in Artikel 5 des Washingtoner Vertrages verbürgte Pflicht, ein möglicherweise gefährdetes Bündnismitglied – die Türkei – gemeinsam zu verteidigen.

Von den knapp vierzig Teilnehmern der jüngsten Konferenz stammte etwas mehr als die Hälfte aus England und Amerika; der Rest kam aus dem "alten" und dem "neuem" Europa. Aktive Praktiker die meisten – Abgeordnete, Beamte, Diplomaten, Offiziere – sowie einige erfahrene Pensionäre und Akademiker. Der eine oder andere Journalist war auch dabei, doch das offene Wort wird hier geschützt durch die "Chatham House"-Regel, nach der spätere Namensnennungen oder wörtlich zugeschriebene Zitate tabu sind. In den Gesprächen war zu spüren, dass der Schock über die jüngsten Entwicklungen tief sitzt, zumal bei jenen, die den Krach aus nächster Nähe miterlebt haben.

Kaum einer fand da – und dies war nun wirklich beunruhigend – noch die Kraft zum transatlantischen Phrasendreschen. Knapp und schnörkellos wurde berichtet von quälenden Verhandlungen, haarsträubender Intransigenz, ja Beleidigungen, wie sie aus Botschaftermund im Nato-Rat noch nie gehört wurden.

Forcierter Bruch im Bündnis

Der historische Krach hatte mit Meinungsverschiedenheiten darüber begonnen, wann die Nato mit der Planung für die im Falle eines Irak-Krieges eventuell notwendige Verteidigung der Türkei beginnen sollte. Sofort, forderte Amerika und mit ihm fünfzehn andere Mitglieder. Nein, erst nach einer UN-Resolution, die das Scheitern der Inspektionen feststellt, konterte Frankreich – im Schulterschluss mit Deutschland und Belgien. Die drei blockierten den Vorstoß aus Washington über Wochen. Erst ein Kunstgriff brachte die Erlösung; die Entscheidung wurde in den Verteidigungsplanungsausschuss verlagert, in dem Frankreich Sitz und Stimme aufgegeben hatte, als es sich 1969 aus der militärisch integrierten Kommandostruktur der Nato zurückzog. In Ditchley war man sich schnell einig: Das eigentlich Erschreckende an dieser Krise war, wie viele Beteiligte bereit gewesen waren, es zum offenen Bruch kommen zu lassen.