Ohne Zweifel gehört Adolf Hitler zu den Gestalten der Weltgeschichte, die das Interesse der Historiker immer wieder anziehen. Der Ausnahmecharakter seiner monströsen Erscheinung, die Einzigartigkeit seiner verbrecherischen Untat und die nicht endende Gegenwart seiner Vergangenheit halten geradezu an, sich mit diesem neuen "Attila" (William Manchester) des 20. Jahrhunderts auseinander zu setzen.

Daher erscheint es verständlich, dass der Journalist Ralf Georg Reuth, der bereits mit einer Goebbels-Biografie hervorgetreten ist, nun den Versuch unternommen hat, eine Hitler-Biografie zu verfassen. In zwölf Kapiteln, von einem Prolog November 1918 – An der Wegscheide ins Ungewisse und einem Epilog Hitlers langer Schatten eingerahmt, verfolgt der Autor den Weg des Tyrannen von den Anfängen im österreichischen Braunau bis zum Untergang im kriegszerstörten Berlin. Weil in der Geschichte dieser atemverschlagenden Karriere Privates, Menschliches gar, eher im Hintergrund bleibt, weil nahezu alles, das Lebenswerte einer Existenz zumal, dem politischen und öffentlichen Handeln zum Opfer fiel, konzentriert sich der Verfasser im ersten, bis 1933 reichenden Teil seiner Darstellung bevorzugt auf den partei- und innenpolitischen Aufstieg des "Trommlers" und danach, im zweiten Teil, ganz überwiegend auf die Außen- und Rassenpolitik sowie die Kriegführung des Diktators.

Mit voranschreitender Zeit und zunehmender Seitenzahl gerät dem Autor die politische Biografie Hitlers mehr und mehr zu einer allgemeinen Abhandlung über das "Dritte Reich". Das ist, weil die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 ohne Hitler nicht vorstellbar ist, bis zu einem gewissen Maß plausibel und wirft gleichwohl Fragen auf, die sich an das Genus, ja an den Sinn dieser Darstellung richten. Was man also vermisst, ist eine gedankliche Durchdringung des Gesamten, die Hitler und seine Zeit überzeugender, als das dem Autor gelungen wäre, miteinander in Beziehung setzte. Was beschreibt das Spezifische des Mannes, den Deutschland und Europa jahrelang, bevor er sie schließlich ins Unglück stürzte, getragen haben? Was macht den immer wieder umrätselten Rest aus, der Hitler, bis zum Ruinösen fundamental, von seiner Zeit abhob? Was verband den deutschen Diktator mit mächtigen Strömungen der Epoche, die im Allgemeinen auf Despotie und Gewalt zielten, und was unterschied ihn davon im Speziellen so grundsätzlich, dass selbst die westlichen Demokratien und die sowjetische Diktatur zum gemeinsamen Kampf gegen ihn zusammenfanden?

Auf diese Fragen hätte sich der Leser eingehendere Auskunft gewünscht, als der Autor sie ihm gewährt. Mehr noch: Das in Hitler verkörperte Problem einer ins Extreme gesteigerten Absage an den epochalen Modernisierungsvorgang, an den rationalen Geschichtsentwurf der okzidentalen Welt hätte intensivere Beachtung verdient, als Reuth sie ihm gewidmet hat. Stattdessen hält sich der Autor an die Darstellung der weithin bekannten Ereignisse und Zusammenhänge, die er mit gut gewählten sprechenden Zitaten und in nüchterner, klarer Sprache zu präsentieren versteht. Hier und da haben sich freilich Irrtümer eingeschlichen, die vermeidbar gewesen wären, beispielsweise: Mussolinis "Marsch auf Rom" fand nicht im April 1923, sondern im Oktober 1922 statt. Das Reich war keine Zeitschrift, sondern eine Wochenzeitung. Graf Ciano war nicht der Schwager, sondern der Schwiegersohn des italienischen "Duce". Eine gewisse Oberflächlichkeit der Interpretation in diesem oder jenem Zusammenhang ist gleichfalls nicht zu verkennen, beispielsweise bei der Darstellung der bosnischen Annexionskrise von 1908, beim Rapallo-Vertrag von 1922 oder im Hinblick auf Léon Blums Haltung zum Spanischen Bürgerkrieg im Jahre 1936. Zudem vermisst man die angemessene Berücksichtigung von Erkenntnissen und Perspektiven der neueren Forschung, die, der Tendenz nach, über die intentionale Handlungsebene hinaus den Verhältnissen der Zeit, die Hitlers Handeln ermöglichten, stärkere Beachtung hätte schenken müssen. Zu kritisieren ist auch die nicht zu unterschätzende Tatsache, dass die Belege der Darstellung von sehr unterschiedlicher Wertigkeit, ja von problematischer Uneinheitlichkeit sind und dass die Zuverlässigkeit der Nachweise zuweilen zu wünschen übrig lässt. Und last, not least: Der von Carl Jacob Burckhardt überlieferte "allermerkwürdigste Ausspruch" Hitlers über seine Russlandpolitik aus dem Sommer 1939 ist von der Forschung inzwischen als außerordentlich problematische Quelle entlarvt worden.

Kurzum: Ralf Georg Reuths Versuch, sich dem Phänomen Hitler auf biografische Art und Weise zu nähern, ist eher als gescheitert denn als gelungen zu beurteilen. Die von Carlo Graf Sforza, dem aus Italien emigrierten Gegner Mussolinis, einmal so genannte "deutsche Sphinx" hat sich der Interpretation ihres Biografen nicht so recht geöffnet. Will man Hitler, seinem Charisma und dessen Veralltäglichung, seinem Aufstieg und seinen Verbrechen, seinen Erfolgen und seinem Scheitern auf die Spur kommen, so ist die Lektüre der Hitler-Biografie von Joachim Fest und der Anmerkungen zu Hitler aus der Feder von Sebastian Haffner nach wie vor unverzichtbar.