Simpl – die wir Deutschen oft sind. Da hat das Land, zum ersten Mal, und das seit 300 Jahren, einen Bestseller-Roman, der bis heute von Japan bis nach Feuerland gelesen, nicht nur erforscht wird – schon treten 1876 die Rauschebärte des preußischen Landtags zusammen. Ein so einzigartiges Sprachkunstwerk zwischen Schelmen– und Bildungsroman, Erziehungsgeschichte und Zeitsatire: soll Schul-Lektüre werden? Da sei Gott – oder doch kaiserliche Zensur – vor: "Eine Zusammenstellung von Zoten und Unlauterkeiten aus dem wüsten Leben eines Landesknechts des Dreißigjährigen Krieges."

Zwei Generationen später wird der alte Söldner in die braune Uniform der Nazis geknöpft, zuerst von einer Frau: "Krieg ist die beste Erprobung des Mannes." Mit diesem Todesurteil schickt die Germanistin Renate Brie ihre Mitstudenten schon ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schlacht. Da mag Hitlers österreichischer Landsmann, der nach 1945 frohgemut weiter lehrende Professor Heinz Kindermann, nicht zurückstehen. "An die Stelle der entwürdigenden Kriegsdarstellungen von gestern tritt die neue volkshaft-heldische, der das Opfer von Millionen Deutschen kein sinnloses Zerstörungswerk …demutsvoller Dienst an der eigenen Nation…, Volks- und Gottgläubigkeit…" Kein Wort mehr von diesen Germanistikbarbaren, die mit solchen Zoten ihre Studenten in den sicheren Tod schickten.

Ohne die widerspenstige Wirkungsgeschichte ist dieser große Barockroman nicht zu verstehen. Wer hat ihn geschrieben? Jahrhundertelang haben Schriftgelehrte gerätselt. Wer ist German Schleifheim von Sulsfort, Samuel Greifnson von Hirschfeld oder Melchior von Fuchsheim, um nur einige der Buchstabenwürfeleien zu erwähnen, mit denen einer der großen Erzähler der Weltliteratur – nein: seinen Namen nicht verschleiern, sondern offenbaren wollte, ganz in der Perücken-, Halskrausen- und Mantel-Schleppen-Seligkeit des barocken Spiegel- und Verwirrzeitalters.

Geboren? Weiß auch nach 400 Jahren niemand. Wohl 1621 oder 1622 in der kleinen hessischen Reichsstadt Gelnhausen, nordöstlich von Frankfurt am Main.

Gestorben? Da wissen wir mehr. Der Pfarrer im Schwarzwalddorf Renchen kritzelt am 17. August 1676 ins Kirchenbuch: "Heute starb der ehrenwerte Johann Christoph von Grimmelshausen, ein hochbegabter, sehr gebildeter Mann, Bürgermeister dieses Ortes."

Dazwischen? Kriegswaise, Zögling bei einem Einsiedler im Wald, Kindersoldat, Räuber, Krieger, Regimentsschreiber, Gutsverwalter, Gastwirt, schließlich Schultheiß. Wer schmecken, riechen will, was das war, der Dreißigjährige Krieg in Deutschland, mit langen Pausen von Wegelagerei und gnadenlosen Metzeleien unschuldiger Bauern – hier kann man alles lernen. Folter? Dem Vater des Simpls schmieren die Soldaten Salz auf die Fußsohlen. Die alte Ziege leckt sie ab – bis zum Wahnsinn des alten Spessart-Bauern. Totschlag, Vergewaltigung, Brandstiftung: ob schwedisch-evangelische Räuber, ob habsburgisch-katholische – im Zweifel schieben sie die armen Leut in den Ofen.

Grimmelshausen schildert alle Exzesse eines außer Rand und Band geratenen Krieges mit einer bis heute überzeugenden Sachlichkeit. Dazwischen träumt er in utopischen Märchen von einem besseren Leben – von einem friedlichen Deutschland, einem Jenseitsreich ätherischer Wesen am Grunde des Mummelsees, im Schoß der Gemeinschaft einträchtig lebender ungarischer Wiedertäufer.

Kaum zu glauben, wie jung und lebenskräftig dieses 1668 zum ersten Mal erschienene Buch eines Autodidakten geblieben ist. Ein paar Worterklärungen hier und da – schon ist man gefangen in einem Buch, das von Lessing über Goethe, Brentano ("göttlich!"), Eichendorff ("unmittelbar aus dem Volk gegriffener, poetischer, treuer Gesell") alle loben, bis hin zu Thomas Mann, dem es 1944 die Sprache verschlägt: "Bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du."