Für Daniel Libeskind war es, als hätte er Oscar und Nobelpreis am selben Tag gewonnen. Der größte, der komplizierteste Architektenauftrag der Gegenwart war ihm zugesprochen worden, die Neubebauung von Ground Zero. Den noch viel größeren Triumph aber feierte sein Auftraggeber. Für New York, für die ganze USA war die Wahl Libeskinds wie ein symbolischer Sieg am Vorabend des Krieges, ein Zeichen ungebrochenen Selbstvertrauens. Wir scheuen kein Risiko – das ist die untergründige Botschaft dieser Entscheidung. Nichts kann uns schrecken, nicht mal dieser Entwurf, der so wagemutig und waghalsig ist, dass niemand weiß, ob er sich überhaupt bauen lässt.

Schon in Berlin, wo Libeskind das Jüdische Museum plante, waren die Statiker schier verzweifelt an seiner Splitterarchitektur. Und lange dauerte es, bis sich eine Firma fand, die das Schräge und Verzogene auch in Beton gießen konnte. New York wird es noch schwerer haben, dort sind die Bauarbeiter viel schlechter geschult und gehen über liebevoll entworfene Details lieblos hinweg. Der Streit um die beste Planung, das lässt sich bereits absehen, beginnt erst jetzt, nach dem Wettbewerb.

Wer soll die steile Gedächtnislandschaft bezahlen? Wer darf am Ende in die Türme einziehen? Wie viel Garagen, Büros und Läden verträgt die Erinnerungsstätte? Am Ende wird darüber nicht der Architekt, sondern vor allem Larry Silverman entscheiden. Der Immobilien-Tycoon hat das Gelände für 99 Jahre gepachtet und kann, wenn er will, auch einen Libeskind vergraulen. Schon jetzt hat sein Entwurf manche kühne Idee eingebüßt. Ursprünglich wollte man die Fundamente der Twin Towers erhalten, die Besucher sollten in die mächtigen Baugruben hinabsteigen, hinunter auf 27 Meter – und dabei der Terrortoten gedenken. Nun aber will man einen unterirdischen Bahnhof bauen, just dort, wo einst die Hochhäuser standen. Libeskinds Tiefenerlebnis darf bleiben, wird allerdings weniger tief und dramatisch ausfallen.

Noch oft wird er solche Kompromisse erleiden müssen, ähnlich wie einst in Berlin, wo sich die Planungen für sein Museum unendlich hinzogen. Geschadet hat es dem Bau erstaunlicherweise nur wenig, was daran liegen mag, dass Libeskind seine Architektur stets mit so viel Bedeutung ausstattet, dass kleinere Verluste kaum auffallen. Wie ein dicker Panzer legen sich die Metaphern und Symbole über seine Formenwelt. Auch in New York wird ihm das zugute kommen, auch hier hat er sich großartige Plätze und Räume einfallen lassen. Und auf wunderbare Weise gelingt es ihm, der Trauer und Beklemmung ebenso Raum zu geben wie jenem himmelstürmenden Stolz, den Amerika so liebt.

Einen Alteuropäer mag es verwundern, dass nun dort, wo 3000 Menschen starben, das höchste Haus der Welt gebaut werden soll. Doch Libeskind, der elitär und populär zugleich ist, der hoch abstrakte Gebilde plant, in denen sich doch ein jeder mit seinen Gefühlen aufgehoben weiß, Libeskind wird das Pathos schon klein häckseln. Wenn er nicht zuvor selbst in den Häcksler der Geschäftsleute gerät.