Deutschland sucht und findet: Millionen Fernsehzuschauer haben an diesem Samstag die Qual der Wahl zwischen Juliette und Alexander – nur einer von beiden kann der "Superstar" werden. Aber sind die beiden wirklich die besten von ursprünglich 10000 Kandidaten? Warum schaffte es der schrille Daniel Küblböck trotz offensichtlich dünner Stimme unter die letzten drei? Wieso warfen die Zuschauer die beliebte und stimmgewaltige Gracia Baur schon in der sechsten von neun Endrunden aus dem Rennen? "Unberechenbar" sei das Wahlvolk, motzte der Schauspieler und Wahlbeobachter Ottfried Fischer. Andere witterten gar Manipulation, mal durch Hacker, mal durch RTL selbst, mal durch fanatische Jungwähler, die per Wahlwiederholungstaste das elterliche Girokonto räumten.

Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Wurzel des Übels offen vor aller Augen liegt: im Wahlmodus. Denn der taugt kaum zur Ermittlung des beliebtesten Kandidaten – selbst bei bestem Willen aller Beteiligten.

Dabei scheint das Verfahren auf den ersten Blick durch und durch demokratisch zu sein. Für alle, die in den letzten Wochen von der Zivilisation abgeschnitten waren, hier die Kurzzusammenfassung: In jeder Runde singen die aus der ursprünglichen Zehnergruppe übrigen Hoffnungsträger gegeneinander an. Dann schaltet RTL die Telefonleitungen frei. Jeder Anruf zählt für einen Kandidaten. Der mit den wenigsten Anrufen scheidet aus, bis nach dem Finale der (oder die) Sieger(in) das Podium für sich hat.

Ein kleines Gedankenspiel illustriert, wie das scheinbar gerechte Verfahren zur Farce geraten kann. Man versetze sich im Geiste zurück in jene viel diskutierte sechste Runde und stelle sich ein Modell für die Gunst der Anrufer vor (siehe Tabelle): Die linke Spalte steht für die Küblböcksche Fangemeinde, taxiert auf 28 Prozent der Anrufer. Sie finden Daniel natürlich am allertollsten, von den restlichen Kandidaten kommt bei ihnen Vanessa am wenigsten schlecht weg. Ins untere Mittelfeld setzen sie Gracia und Juliette, ganz nach unten den Anti-Daniel Alexander Klaws (natürlich haben in der Realität nicht alle Daniel-Fans diese Rangfolge, aber es ist ja auch ein stark vereinfachtes Modell). Die übrigen 72 Prozent der Anrufer ordnen die Kandidaten in die fünf Sympathie-Ranglisten rechts daneben.

Spielt man dieses Beispiel nach den geltenden Superstar- Regeln aus, dann geschieht das Gleiche wie in Wirklichkeit: Gracia muss vor Vanessa und Daniel abtreten, weil nur zwölf Prozent der Anrufer sie wählen – obwohl sie eigentlich beliebter ist als alle anderen: Im direkten Vergleich mit jedem ihrer vier Konkurrenten hätte Gracia stets eine Mehrheit von mindestens 56 Prozent auf ihrer Seite. Würde Deutschlands "Superstar" im K.-o.-System ermittelt (wie bei einer Fußball-WM-Endrunde), dann wäre Gracia glatt zum Titel durchmarschiert!

Die Willkür des Wahlsystems wird noch deutlicher, wenn man die Regeln minimal ändert. Angenommen, die Zuschauer sollten nicht für ihren Favoriten anrufen, sondern für denjenigen, den sie sich draußen wünschen. (So funktionierte das "Scherbengericht", mit dem die Bürger des antiken Athen potenzielle Tyrannen ins Exil verbannten.) Schon purzelt die Reihenfolge durcheinander. Zuerst wählt eine genervte Mehrheit von 69 Prozent (zweite bis fünfte Spalte) Daniel aus dem Wettbewerb. Ihm folgen Vanessa, Alexander und Juliette. Obwohl sich an den Sympathiewerten nichts geändert hat, gewinnt schon wieder Gracia!

Sicherlich: Das Rechenexempel ist künstlich und grob vereinfacht. Es berücksichtigt nicht, dass die Zuschauer ihre Gunst in jeder Runde neu vergeben konnten – wozu sonst sangen die Kontrahenten Woche für Woche? Außerdem enthält die Tabelle nur 6 der 120 theoretisch möglichen Ranglisten. Dennoch bleibt als Fazit: Das System wählt mit. "Es mag geeignet dafür sein, das Publikum bei Laune zu halten", sagt der französische Ökonometriker Michel Balinski, "aber es ist ungeeignet, den beliebtesten Kandidaten zu finden." An der Pariser Ecole Polytechnique erforscht Balinski, wie gut Wahlsysteme den Wählerwillen abbilden.