Ein kalter Januarnachmittag, etwa zwei Uhr. Ich trete aus dem Aachener Bahnhof auf den Bahnhofsvorplatz und gehe zum Taxistand. Und da steht sie! Auf dem ersten Platz. Putzt die Außenspiegel. Ende 30, mittelgroß, brünett, Strickmütze mit Krempe. Freundliches Gesicht. Perfekt! Ich denke an Mona Lisa, französische Küsse und Sterne, die funkeln wie Laternen. Wie leicht doch plötzlich alles erscheint. Ein Traum, genügend Bares in der Tasche – et voilà! Lediglich eine penetrant miesepetrige Stimme in mir mahnt: Denk dran, dass nichts einfach ist, was mit Frauen zu tun hat!

Ich überlege einen winzigen Moment lang, ob eine Taxifahrerin es als plumpe Anmache auffassen würde, wenn ich bei ihr einstiege und nur ein Wort sagen würde: "Paris!" Und ebendieser mickrige Nachdenkmoment, diese zwei, drei Sekunden sind zu lang. Ein fetter kleiner Kerl mit Rollenkoffer stürmt an mir vorbei und springt ins Taxi. Ich sehe noch, wie überaus charmant sie lächelt. Dann starre ich ihnen nach und fühle mich schlecht. All die anderen Situationen in meinem Leben fallen mir ein, als Schnellere, Keckere, Gedankenlosere und oft sogar Fettere an mir vorbei- und mit meiner heimlich Erwählten davonzogen. Ich brauche jetzt dringend einen Kaffee.

1984: Ein Lied ging durchs Land, das hatte Michy Reincke alias Felix de Luxe geschrieben: Taxi nach Paris. Es schwappte gerade die Neue Deutsche Welle durch die Hitparaden. Das Lied war romantisch und mitsingtauglich und wurde ein großer Hit. Ich fuhr damals Taxi in einer bekannten Wesermetropole, wobei die korrekte Formulierung wäre: Ich stand Taxi. In den endlosen Wartezeiten auf den Halteplätzen, in denen ich rauchte, Radio hörte und mit Marcel Proust meine Zeit verlor, geschah es mehrfach, dass mich Felix de Luxe mit dem zuckrig-hymnischen Refrain aufweckte: Mit einem Taxi nach Paris / Nur für einen Tag. Mit einem Taxi nach Paris … / & vielleicht ein kleines Rendezvous … Das Lied, schließlich fast stündlich auf irgendeinem Dudelsender zu hören, repräsentierte für mich bald eine Art Doppeltraum. Erstens den Traum vom schier grenzenlosen Luxus, sich in ein Taxi werfen und beiläufig "Paris!" sagen zu können. Und zweitens den Taxifahrertraum, dass einer ins Auto springt und beiläufig "Paris!" sagt. (Es hätten auch zwei sein können, und den Rest der Reise hätte der Chauffeur nur das Rascheln von Seide und leise Seufzer vernommen. Oder es wäre einer mit gehetztem Blick gekommen und hätte gefleht: "Schnell nach Paris, bitte, ich werde verfolgt, Vollgas, ich zahle jeden Preis!") Kam das Lied im Radio, drückte ich die Funktaste und ließ die Kollegen an meinem Traum teilhaben.

Und nun, 19 Jahre später, ist es so weit. An diesem Tag soll der Doppeltraum in Erfüllung gehen. Ich werde mit dem Taxi nach Paris fahren. Und: Ein Taxifahrer wird die Tour seines Leben haben. Die so genannte Mördertour. Zugegeben: Die bekannte Printenmetropole ist nicht die allererste Stadt, die einem in den Sinn kommt, wenn man davon träumt, sich in ein Taxi zu werfen und beiläufig "Paris!" zu sagen. Aber letztlich spricht nichts gegen Aachen als Stadt der Erfüllung eines Traumes. Insbesondere, weil Aachen die deutsche Stadt ist, die fast am dichtesten an Paris liegt. Nur Saarbrücken liegt noch 27 Kilometer dichter dran. Dafür ist die Bahnfahrt von der Weser- zur Printenmetropole 35 Euro billiger. So muss einer rechnen, der sich in einer Zeit einen Traum erfüllen will, in der Prominente bei Aldi einkaufen.

Ein Traum, erst recht ein Doppeltraum, will gut geplant sein. Allein die Fahrpreisverhandlungen! 418 Kilometer, der Kilometer kostet laut Homepage der Aachener Autodroschken-Vereinigung 1,30 Euro. Also sollte ich mal 450 Euro ins Auge fassen. Dann der köstlichste Augenblick, der Moment der Auftragserteilung: Werde ich mit der Tür ins Haus fallen und "Einmal Paris" knurren? Oder lieber flüstern? (Ich, flüsternd: "Paris, bitte!" Taxifahrer, mit Seitenblick: "Hä?" Ich, sanft: "P-a-r-i-s!" Er, ungeduldig: "Was? Pariser Straße ham wer nich!" Ich, leicht verzweifelt: "Paris/Frankreich." Er, wild: "Verarschen kann ich mich selber!" Ich, trotzig: "Okay, Paris/Texas!" Er: "Raus!") Oder soll ich ganz vorsichtig anfangen? ("Halten Sie sich fest! Sitzen Sie gut? Sind Sie ausgeschlafen?") Ich könnte mich anbiedern ("Hey Kumpel, Lust auf die Mördertour?") oder versuchen, den großen Satz vollkommen gelassen auszusprechen, so wie man im Wirtshaus eine Frikadelle bestellt. Alles hängt von der Situation ab, von meiner Stimmung, von der Ausstrahlung meines Gegenübers.

Im Übrigen werde ich mich vom Text des Liedes leiten lassen, wobei mir die Umsetzung noch nicht ganz klar ist. Immerhin kommt eine "Sie" vor, möglicherweise identisch mit einer "Mona Lisa", er dagegen ist wild nach französischen Küssen , die sich auf hat sie mich lächelnd gebissen reimen. Ich aber bin in festen Händen. Nebenbei stiehlt der Fahrgast im Lied auch noch den Eiffelturm und springt in die Seine. Der Wetterbericht von Paris aber kündigt minus drei Grad und eiskalten Wind an!

Doch die größte Herausforderung für den Träumer, den Snob, den Parisfahrer ist: Ich muss meinen Wunschchauffeur finden. Wer eben mal vom Bahnhof zur Posemuckelstraße muss, braucht einen Kraftfahrer. Wer vier, schlimmstenfalls fünf Stunden über öde belgische und französische Autobahnen schaukeln muss, braucht einen Gefährten.