Freitagnacht in einer Discothek am Ostrand von Santa Maria, draußen Sturmwind und waagrechter Regen, es ist November. Kinder hüpfen über die Tanzfläche, ihre Großmütter sehen vom Rand aus zu. Schöne Frauen sind nicht zu entdecken. Aber die männliche Jugend der östlichen Inselhälfte ist vollzählig erschienen. Mit überladenen Autos sind sie die Serpentinenstraße zur Stranddisco heruntergeschlittert. Jetzt stehen sie an der Theke, rauchen und trinken, besprechen die Fußballergebnisse aus Lissabon und Madrid und erzählen von ihren Brüdern in Bastão (Boston) und Noiorca (New York).

Es sind Männer ohne Frauen und ohne große Zukunft. Wie sie den Hang am Ende der Nacht wieder hinaufkommen wollen, ist unklar. Aber wir sind auf der wilden Seite der Insel, und Polizeikontrollen gibt es nur auf der flachen Westseite. Dort, jenseits des subtropisch überwucherten Inselberges Pico Alto, liegen der Flughafen und die Inselhauptstadt Vila do Porto. Dort drüben ist die Zivilisation. Hier im Osten sind Hügel, Kuhweiden, Wälder, Blumenteppiche: eine Landschaft aus erstarrten sattgrünen Wellenkämmen. Allgäu, Irland, Schweiz, Madeira, alles gemischt und überströmt von einer weichen, duftenden Luft. Wenn hier zwei Autos zusammenstoßen, bleibt die Polizei fern; denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Unfallgegner Verwandte sind. Dann fährt der Fahrtüchtigere den weniger Fahrtüchtigen im weniger kaputten Auto zum Arzt und sagt: Doktor, hier ist mein Vetter, er ist schon wieder von der Leiter gefallen.

Der Mann, der mich in dieser Sturmnacht mit den Regeln des Insellebens vertraut macht, heißt Willy. Willy ist ein weiser, langmähniger Schwabe Ende 40 und von ganzem Herzen ein Mann der östlichen, anarchischen Inselhälfte. Ein Rock ’n’ Roller. In Deutschland chauffierte Willy einen TV-Übertragungswagen des Süddeutschen Rundfunks zu den Fußballstadien der Bundesliga und zu den Stadthallen, aus denen Verstehen Sie Spaß? gesendet wurde. Später fuhr er ein Müllauto. Vor ein paar Jahren packte er zusammen mit seiner Frau Sabine die ganze Habe in einen riesigen Container und verschiffte ihn auf die Azoren. Auf Santa Maria, der drittkleinsten und wärmsten Insel des Archipels, wurden die beiden heimisch. Es ist der sicherste Ort im nördlichen Atlantik. Die fatalistische Lebensweisheit der Azorer – "Alle zehn Jahre ein Erdbeben und alle hundert Jahre ein Vulkanausbruch" – gilt hier nicht. In Santa Maria gibt es keine Vulkane und (bislang) keine Erdbeben.

Hier kauften Sabine und Willy einen kleinen alten Hof und stellten ihren Container daneben. Den Hof rissen sie ab und errichteten ein Haus auf dem alten Grundriss (die Bauvorschriften sind streng). Immer im Frühjahr fliegt Willy nach Deutschland zurück; in seinem Laster fährt er alte Autoreifen zur Wiederverwertung in die ärmeren Gegenden Europas. Dabei verdient er genug, um auf den Azoren überwintern zu können. Sabine bleibt derweil allein auf Santa Maria.

Jetzt fragt Willy mich, was ich hier zu suchen hätte, noch dazu im November. Er habe schon gehört, dass hier ein verrückter Deutscher unterwegs sei, so was spreche sich rum: In Santa Maria gebe es ja keinen richtigen Tourismus, nur im Sommer ein paar Taucher. Die einzigen Reisenden, mit denen die Insulaner behelligt würden, seien die Auswanderer, die gelegentlich für ein paar Wochen die alte Heimat besuchten. "Also, was bist du für einer?", fragt Willy. "Ein Spion, der sich auf die falsche Insel verirrt hat?" Auf Terceira, 260 Kilometer nordwestlich, gibt es nämlich eine amerikanische Militärbasis, und dort, so Willy, warteten die Kampfflieger darauf, dass Bush den Marschbefehl gen Bagdad gebe.

Santa Maria liegt vor Chile, aber auch im Südpazifik

Ich zucke zusammen und versichere, dass mich die Poesie hierher geführt habe, genauer: der deutsche Schlager. Ich suche einen Ort der Sehnsucht, Santa Maria, die Insel aus Roland Kaisers Lied. Mein Atlas kennt zwar noch zwei andere Inseln dieses Namens, aber die kommen kaum infrage: Santa Maria vor der chilenischen Küste ist seit über hundert Jahren von keinem Menschen mehr gesichtet worden, und Santa Maria im Südpazifik hat sechsmal so viel Regen wie London. Also bin ich auf die Azoren gereist.