Der Kampf der Götter gegen den Rost

function pop_goetter() { window.open("http://zeus.zeit.de/2003/12/abs_goetter.html","Wissen","width=500,height=490,location=no,resizable=no"); }[Abstract]

Man hört kein Geschrei, weder Triumphgeheul noch Klagelaute. Dabei wird gemordet, gemeuchelt, erschlagen. Der Löwe brüllt nicht, lautlos beißen die Hunde, kein Zischen entfährt der Schlangenbrut. Die Götter siegen, die Giganten fallen oder werden verbrannt. Doch statt Schlachtenlärm erfüllt fröhliches Lachen den Saal. Eine Schulklasse posiert für ein Foto, auf der Treppe sitzen Kids mit Baseballcaps und zeichnen den triumphierenden Zeus, die um Gnade flehende Gaia. Ein normaler Tag im Berliner Pergamonmuseum.

Perfide surrt der Zahnarztbohrer

Doch plötzlich schrecken alle auf, selbst die Touristen unter den Kopfhörern ihrer Audioguides gucken verstört: Was ist das für ein fürchterlicher Lärm? Er scheint aus der Tiefe des gewaltigen Pergamonaltars zu kommen. "Ein Drache!", lacht Silvano Bertolin und schließt die Gittertür auf. Dahinter liegen Köpfe, verstümmelte Körper – führt der gewölbte Gang tatsächlich zu einer Drachenhöhle? Dem Krach nach zu urteilen: ja. Doch es ist nur ein großer Kompressor, von dem aus Schläuche in einen Raum führen, der einmal der Kultursaal des Museums war und nun wie ein Feldlazarett aussieht. In einem provisorischen Regal stapeln sich Menschenfüße und Schlangenköpfe, über einer großen weißen Plastikwanne hängt ein Flaschenzug, und Staub bedeckt alle Tische. Martialisch sind die Instrumente, mit denen gearbeitet wird: Säge, Hammer, Meißel. In einer Kiste liegen verrostete Dübel und massive Eisenklammern. Es fließt Wasser, perfide surrt ein Zahnarztbohrer. Doch die Patienten halten tapfer aus, schließlich sind sie aus Stein. Bertolin, der im weißen Kittel wie ein Chefarzt wirkt, restauriert hier mit seiner Frau, seinem Sohn nebst Schwiegertochter, einem Neffen und zwei freien Bildhauern den Pergamonaltar, genauer gesagt: die Figurenfriese.

Denn von der Architektur des einst 36 mal 34 Meter messenden Altars, der hoch oben auf einer Terrasse des Burgbergs von Pergamon stand, ist kaum etwas vorhanden. Im Museum steht nur eine Rekonstruktion der Hauptansicht mit der großen Treppe. An den Wänden des Saals zeigt der 113 Meter lange Fries, der einst den Altar außen schmückte, die Gigantomachie, den Mythos vom Sieg der olympischen Götter über die Kräfte des Chaos, die erdgeborenen Giganten. Und das in solch einer ekstatischen Weise, dass Johannes von Patmos wohl den um 170 vor Christus geschaffenen Altar vor Augen hatte, als er in der Apokalypse schrieb, in Pergamon stünde der "Thron des Satans".

Das Fürstengeschlecht der Attaliden hatte die kleinasiatische Stadt zur prächtigen Hauptstadt ihres Reichs erhoben, das einer der hellenistischen Nachfolgestaaten des Imperiums Alexanders des Großen war. Doch nach dem Untergang Pergamons wurde der Burgberg geplündert und gebrandschatzt, Erdbeben erledigten den Rest. "Wenn sich niemand mehr um etwas kümmert, beginnt unter Menschen schnell das Recycling", sagt Wolf-Dieter Heilmeyer, Direktor der Antikensammlung. Mit einigen der 2,3 mal 1 Meter großen Marmorplatten pflasterte man Straßen oder baute Mauern zum Schutz gegen die Araber. Bis ins 19. Jahrhundert hinein landete so manche Marmorskulptur in einem Ofen, um mit dem so gewonnenen Kalk Häuserwände zu tünchen.

Vor 125 Jahren begann der Ingenieur Carl Humann mit seiner von Preußen finanzierten Ausgrabung auf dem Burgberg. Die türkische Regierung erlaubte die Ausfuhr der Fundstücke nach Berlin, wo sie zwischen 1901 und 1908 in einem Interimsbau auf der Museumsinsel, ab 1930 im monumentalen Pergamonmuseum ausgestellt wurden. Keine zwölf Jahre später wanderten die Marmorplatten in den Flakbunker am Zoo, von wo die Sowjets sie zusammen mit dem Schatz des Priamos nach Leningrad brachten. 1958 kehrte der Altar zurück nach Ost-Berlin. In aller Eile stellte man ihn wieder auf.

All die Jahre fand keine Restaurierung statt. Dabei waren die Transportschäden enorm. Auch im Museum litt der Marmor. Um die Bruchstücke zusammenzufügen, hatte man vor 100 Jahren Eisendübel verwendet, viele Platten erhielten massive Eisenarmierungen. Anders als in der Antike, wurden diese nicht in Blei gebettet. Der Altar stand doch nun im Museum. Was sollte da passieren? "Eine ganze Menge", sagt Heilmeyer. "Heute kommen im Jahr 800000 Besucher in das nichtklimatisierte Museum. Und die bringen jede Menge Feuchtigkeit mit. Gerade der Gips, mit dem die Dübellöcher zugeschmiert wurden, ist stark hygroskopisch." Um zu erklären, was dann passiert, rudert der sonst distinguiert wirkende Direktor gewaltig mit den Armen. So bewegen sich die Wassermoleküle schnurstracks von der schwitzenden Stirn, den nassen Schuhen zu dem im Marmor verborgenen Eisen. Die Dübel rosten, die Korrosionsschicht vergrößert das Volumen und sprengt den Marmor. Artemis zerfiel in mehr als 60 Stücke, als man sie von der Wand nahm.

Der Kampf der Götter gegen den Rost

Nun werden die bis zu zwei Tonnen schweren Tafeln abmontiert und in die Werkstatt gebracht. "Das Schwierigste ist, sie auseinander zu nehmen", sagt Bertolin. Mit einem Metalldetektor macht er sich auf die Suche nach Dübeln. Oft liegen drei, vier so eng beieinander, dass der Detektor aus dem Piepsen nicht mehr herauskommt. Im schlimmsten Fall muss von hinten mit einem feinen Bohrer eine Suchbohrung durchgeführt werden. Hat man die bis zu vier Zentimeter dicken Dübel endlich gefunden, sie durchtrennt und die Marmorstücke auseinander genommen, werden mit einem Diamantkronenbohrer die Dübelreste herausgebohrt. Um die Mörtelspuren an den Bruchstellen oder den Zement, in den die Fragmente eingebettet waren, zu entfernen, weicht man die Teile zwei Tage in Wasser ein. Auch dann bleibt es Schwerstarbeit mit Hammer und Meißel. Bertolins Schwiegertochter Elke schließlich säubert mit einem Ultraschallgerät, wie es Veterinäre benutzen, um Pferden Zahnstein zu entfernen, die Bruchstellen.

Die Schauseite wird nur mit Wasser gereinigt; die Patina bleibt erhalten. Die aneinander gefügten Teile halten neue Dübel aus einer rostfreien und säurefesten Chrom-Nickel-Legierung zusammen. "5000 Jahre Garantie gibt der Hersteller", lacht Bertolin. Er selbst ist schon froh, wenn seine Restaurierung 200 Jahre hält. Um den Kollegen des 22. oder 23. Jahrhunderts die Arbeit zu erleichtern, werden alle Dübel dokumentiert, und bevor Bertolin Stücke mit Epoxidharz verklebt, behandelt er die Marmorflächen mit einem azetonlöslichen Acrylharz. So dringt kein Kleber in die Steinporen ein, die Klebung bleibt jederzeit reversibel.

Die zusammengefügten Reliefstücke formt Bertolin mit Silikon ab. Danach fertigt er Gipsabgüsse an, die er ins italienische Friaul bringt, wo er aus Kalksteinplatten passgenaue Ergänzungen herausmeißelt. Diese ersetzen als Hintergrund den Zement, den man vor 100 Jahren benutzte. Damals war man sehr stolz auf den modernen Werkstoff, beachtete aber nicht, dass er einen anderen Ausdehnungskoeffizienten besaß als Marmor. Bei den recht hohen Temperaturschwankungen im Pergamonmuseum mit seiner alten "schwer beherrschbaren Heizung" (Heilmeyer) führte das zu nicht gerade materialschonenden Spannungen.

"Welch ein Comicstrip!"

Vor dem hellen Kalkstein scheinen die Götter zu schweben. "Man sieht jetzt wieder, dass sie aus Marmor sind", freut sich Volker Kästner, der wissenschaftliche Leiter der Restaurierung. Er zeigt auf die noch nicht restaurierten Reste des Ostfrieses. "Das ist doch nur eine diffuse graubraune Masse." Die ersten Restauratoren hatten die Lücken nicht sonderlich genau mit Zement gefüllt. Darüber legte sich der Schmutz der vergangenen 100 Jahre. "Nun erkennt man erst, wie schön der Marmor gefärbt ist. Die graublaue Äderung kommt vom eingelagerten Kohlenstoff."

Das Institut für Angewandte Geowissenschaften der TU Berlin hat klären können, woher der Marmor stammt: von der Insel Marmara im gleichnamigen Meer vor Istanbul. Isotope und Kristallstruktur weisen auf den Ort hin, der auch zur Historie passt. Denn Prokonnesos, wie Marmara in der Antike hieß, gehörte seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert zu Kyzikos. Von dort stammte ein Zweig der Attalidenfamilie.

Nun, da die restaurierten Friestafeln wieder nebeneinander hängen, zeigt sich die unterschiedliche Äderung der Marmorplatten. "Deshalb hatte man den Stein in der Antike mit Kalk geschlämmt, wenn nicht sogar farblich gefasst", sagt Heilmeyer. Obwohl sich bisher keine Farbreste fanden, ist auch Volker Kästner davon überzeugt. "Aber ob nur Gewandteile bemalt oder auch die Hautpartien rosa waren – darüber wird in der Archäologie viel gestritten. Stellen Sie sich dazu noch gemalte Blutspritzer vor – welch ein Comicstrip!" Nichts von "edler Einfalt und stiller Größe" also, die im 18. Jahrhundert den Archäologen Johann Joachim Winckelmann beeindruckte.

Der Kampf der Götter gegen den Rost

Auch Details änderten sich. Aphrodite ist der Kopf erneut abhanden gekommen. In den 1960er Jahren glaubte man, ihn in einem Istanbuler Museum entdeckt zu haben. Man fertigte einen Abguss und setzte den der Liebesgöttin auf den schönen Hals. Doch während der Restaurierung zeigte es sich, dass auch die Haarlocken auf der der Wand zugekehrten Seite präzise ausgearbeitet waren. Da aber die tiefen Rillen des antiken Kopfschmucks mit Bohrern gefertigt und dann geglättet worden sind, kann der Kopf unmöglich zum Fries gehören: Von der Hinterseite kommt man mit Bohrern nicht an ihn heran. Aphrodite ist nun wieder kopflos.

Häufiger konnten neue Stücke angepasst werden. In den Depots finden sich zu Hunderten herrenlose Fragmente. "Oft reicht ein bisschen Logik", sagt Holger Wienholz, der als Archäologe die Restaurierung dokumentiert, und zieht einen Fuß aus dem Regal. Das feine Lotusblütenmuster auf den Sandalenriemen deutet auf eine Göttin hin. Nach dem Verlauf der Schnittfuge zu urteilen, bewegt sie sich nach links über zwei Platten hinweg. "Hat man das erkannt, geht man zum Fries und hält nach solch einer Dame Ausschau. Meist kommen dann nur noch eine oder zwei infrage." Wird man nicht fündig, ist der Fuß vermutlich das traurige Überbleibsel einer Göttin, die ihr ewiges Leben in einem Kalkofen verlor. Uranos und das Maultier der Selene hatten da mehr Glück: Sie erhielten Flügelspitze und Hinterläufe zurück.

Um das gigantische Puzzle zu lösen, bedarf es zuweilen unorthodoxer Methoden. "Manchmal drücken wir Alberto einen Besenstil in die Hand und basteln so lange an ihm herum, bis wir wissen, wie die Körperhaltung einer Figur war", erklärt Wienholz. Das klappt nicht immer. "Auch wenn man im Hellenismus sehr naturalistisch zur Sache ging, fabrizierten die antiken Bildhauer manchmal anatomisch Unmögliches." Zum Beispiel den Giganten am äußersten Rand des Südfrieses: Der Arme muss mit der rechten Hand ein Schwert abwehren, mit der anderen einen Hund am Zerfleischen seines Beines hindern. Und dann würgt ihn auch noch Apollons Tante Asteria – da sei ihm verziehen, dass er sich nicht sehr klassisch hält.

Manches findet sich aber auch im Traum. "Gelegentlich wache ich auf, weil mir eingefallen ist, wie etwas zusammenpasst", erzählt Ludmilla Bertolin. "Dann muss ich es ganz schnell aufschreiben." Ihren Mann hingegen lässt der Altar ruhig schlafen – und das trotz seiner albtraumhaften Szenen. Das war einmal anders: Als Bertolin Anfang der Siebziger die berühmten Aegineten in der Münchner Glyptothek restaurierte, träumte er, die Marmorkrieger seien lebendig geworden. Und dass Athena ihn mit einem Speer durchbohrte, weil er es wagte, Hand an sie zu legen. "Seither restaurierte ich aber so viele Kunstwerke, dass mich die antiken Grausamkeiten nicht mehr schrecken."

Die Restaurierung ist auch ein Stück Archäologie. Man entdeckte antike Dübel, die halfen, Fehler der Bildhauer zu kaschieren, oder die dazu dienten, delikate Körperteile der Heroen zu befestigen. Auch Modernes fand sich: Hinter den Reliefplatten standen in einer vermauerten Nische zwei Wodkaflaschen – beide leer. Und aus manchen Dübellöchern holte man Zeitungsfetzen heraus, die frühere Restauratoren, Heimwerkern gleich, hineingestopft hatten. Ursula Kästner, am Pergamonmuseum für antike Vasen und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, schüttelt darüber lachend den Kopf: "Wenn wir noch ein paar Löcher übrig haben, stecken wir da natürlich die ZEIT rein. Und zwar die mit Ihrem Artikel."

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