Im Herbst 2000 wartete die Deutsche Verlags-Anstalt mit einer Sensation auf: Sie veröffentlichte aus dem Nachlass des Anfang 1999 verstorbenen Publizisten Sebastian Haffner dessen Erinnerungen der Jahre 1914 bis 1933. Geschrieben hatte er sie nicht am Ende, sondern am Anfang seiner publizistischen Karriere, im Frühjahr und Sommer 1939, nachdem er seiner jüdischen Freundin in die englische Emigration gefolgt war. Doch dann kamen dem gerade 32-jährigen Autor Bedenken, ob das Ganze nicht zu persönlich ausgefallen war. Jedenfalls brach er bald nach Beginn des Zweiten Weltkriegs das Manuskript ab, um sich einem neuen Buch Germany: Jekyll & Hyde zuzuwenden. Das Werk erschien im Mai 1940 und wurde zu einem Achtungserfolg.

Von einer Publikation seiner Jugendautobiografie nahm Haffner jedoch auch nach dem Kriege Abstand; selbst gegenüber seinen nächsten Angehörigen ließ er die Existenz des Manuskripts unerwähnt. Umso größer war das Erstaunen, als die Geschichte eines Deutschen 61 Jahre nach ihrer Niederschrift herauskam. Denn der Autor präsentierte sich hier nicht als ein Anfänger, sondern in früh vollendeter Virtuosität. Alle Elemente, die den großen Geschichtserzähler auszeichnen, sind hier bereits ausgebildet: die knappe, zupackende Sprache, die Lust an der brillanten Pointe und provokativ zugespitzten These, die Kunst, mit wenigen Strichen eine Situation oder eine Person zu charakterisieren.

Das Buch beginnt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im berauschend schönen Sommer 1914. Der siebenjährige Berliner Sohn eines hohen preußischen Schulbeamten erlebt ihn als Zerstörung seiner Ferienidylle. Doch schon bald weicht das Verlustempfinden der Faszination für den Krieg als ein "großes, aufregend-begeisterndes Spiel": "Ich und meine Kameraden spielten es den ganzen Krieg hindurch, vier Jahre lang, ungestraft und ungestört – und dieses Spiel war es, was seine gefährlichen Marken in uns allen hinterlassen hat."

Damit ist Haffner bei seinem Kernthema: der Anfälligkeit der zwischen 1900 und 1910 Geborenen für die Verführung, die Nationalsozialismus hieß. Den Prägungen dieser Generation in Krieg und Nachkriegszeit spürt er, vom eigenen Fall ausgehend, mit großer Einfühlungskraft nach. Besonders erhellend ist das Kapitel über die Inflation von 1923. Selten sind die Folgen dieser traumatischen Erfahrung so eindringlich dargestellt worden. Die Entwertung aller Werte, so die These, habe die junge Generation reif gemacht für den Nihilismus in Aktion, wie ihn die nationalsozialistische Bewegung am entschiedensten verkörperte. Glänzend analysiert Haffner auch die Anziehungskraft, die Hitler längst vor 1933 auf wachsende Teile vor allem des Bürgertums ausübte. Er spricht von einem "Zauber des Ekelhaften" und einer "Faszination durch das Monstrum". Dass er selbst dieser Faszination nicht erlag, führt er zurück auf die besondere Sensibilität eines seiner Sinnesorgane – der Nase. Sie habe ihn mit einer feinen Witterung ausgestattet für den Blut- und Ludergeruch, der vom "Führer" der NSDAP und seinen Kumpanen ausging.

Die Wochen der "Machtergreifung" erlebte Haffner als Referendar am Berliner Kammergericht, und am Beispiel dieser altehrwürdigen Institution schildert er einen Vorgang, der sich im Frühjahr 1933 tausendfach wiederholte: die schleichende Anpassung an die neuen Machthaber. "Es gab nicht ein Beispiel von Verteidigungsenergie, Mannhaftigkeit, Haltung. Es gab nur Panik, Flucht und Überläuferei." Scharfsinnig erkannte Haffner die Absicht der Nazis, im deutschen Volk Raubtierinstinkte zu wecken und sie in Mordbereitschaft gegen die Juden zu verwandeln. "Sollte dieser Versuch – der eigentliche Kern ihrer Bestrebungen – tatsächlich gelingen, so würde das freilich zu einer Menschheitskrise allerersten Ranges führen." Ebendas geschah mit dem Holocaust.

Es sind solche erstaunlich hellsichtigen Prognosen, die den Verdacht nährten, die Autobiografie sei womöglich gar nicht 1939, sondern in wesentlichen Partien erst später, nach 1945, geschrieben worden. Die Zweifel an der Authentizität sind jedoch allesamt widerlegt worden – nicht zuletzt durch das Auffinden des letzten handgeschriebenen Kapitels im Frühjahr 2002. Darin schildert Haffner seine Erfahrungen in einem "Gemeinschaftslager" für juristische Referendare in Jüterbog im Herbst 1933.

Mit seiner Geschichte eines Deutschen war Sebastian Haffner, ohne dass ihm das bewusst war, ein fulminantes Debüt geglückt. Gerade jugendliche Leser können hier erfahren, wie die Sozialpathologie einer Gesellschaft beschaffen war, die sich der Versuchung des Nationalsozialismus widerstandslos ergab und sich seiner kriminellen Dynamik willig andiente.