Es wird immer schwieriger, zwischen einem zauberhaften Buch und dem Zauber, der um ein Buch gemacht wird, zu unterscheiden. So viel Gerede von Jugend und Intelligenz, von Holocaust und Humoreske, von einer erfundenen Ukraine und einer jüdischen Sehnsucht nach der Herkunft: Bevor man Alles ist erleuchtet, den ersten Roman des 25jährigen New Yorker Schriftstellers Jonathan Safran Foer zur Hand nimmt, ist er bereits ein Secondhand-Phänomen.

Natürlich gilt es, das umzukehren und die scheinbare Unschuld der Lektüre, die man auch Skepsis nennen kann, wiederzugewinnen. Doch auch Skeptiker wollen verzaubert werden. Das braucht kluge Erzähler, die wie Foer das Spiel spielen: Statt zu lieben, liebe ich die Liebe; statt zu glauben, glaube ich an den Glauben. Und das Wichtigste: Statt mich zu erinnern, erfinde ich die Erinnerung. Und der Leser antwortet: Statt verzaubert zu sein, genieße ich den Zauber des Zauberns.

Der Anfang der Welt kommt oft heißt das zweite Kapitel in Foers Roman, das von der Gründung respektive Erfindung jenes ukrainischen Dorfes an der Grenze zu Polen erzählt, das später Trachimbrod heißen wird und in dem die Ururururgroßmutter des Erzählers zur Welt kommt. Das von Juden bewohnte Örtchen war namenlos, bis 1791 ein Pferdewagen im Wasser des Flusses Brod untergeht. Niemand hat’s gesehen, doch die schönste Fülle an Dingen steigt nach und nach an die Wasseroberfläche, und die Bewohner des Ortes, allen voran der Rabbi, staunen nicht schlecht, als schließlich ein Baby aus den Fluten auftaucht.

Hier haben wir alles versammelt, was es braucht, um eine Welt anfangen zu lassen: einen Unfall, der mit der Ordnung bricht und sie neu gründet; ein Opfer, das dem Ort einen Namen gibt, jener Trachim nämlich, der den Wagen gefahren haben soll, aber nie gefunden wurde; ein jährliches Ritual, das große Dorffest, das hundertfünfzig Jahre lang zur Erinnerung an diesen Tag gefeiert wird und bei welchem fortan alle wichtigen Ereignisse in der Gemeinde Trachimbrod bis zu ihrer Vernichtung im Jahre 1941 geschehen werden; und schließlich jenes Mädchen, das nach dem Wasser, aus dem es aufstieg, Brod heißt und das wie eine heidnische Undine zur Erinnerung einmal im Jahr mit Fischschwanz durchs Dorf gefahren wird; und die andererseits, bis sie als Tochter zum "entehrten Wucherer" Jankel kommt, im Thoraschrein in der Synagoge aufbewahrt wird. Der Ort der ersten Mutter des Erzählers ebenjener Geschichte, die wir lesen, ist im Herzen des Herzens der Gemeinschaft von Trachimbrod und der jüdischen Tradition selbst. Und der Sohn hat sie erfunden und damit narrativ sich selbst gezeugt. Ein literarisches Bubenstück, ein schöner Erzähl-Coup, der zugleich einen ketzerischen Mythen-Mix und humoristisch abgefederte jiddische Folklorebilder hervorbringt.

Alles ist erleuchtet ist der Roman eines jungen amerikanischen Juden, dessen Erinnerung an die Herkunft nur mehr ein großer Wunsch und also schwankend geworden ist. Jonathan Safran Foer ist zwei Generationen entfernt von jenen Vorfahren, die das osteuropäische Leben noch gekannt haben. Und er ist unwiderruflich entfernt von den realen Orten des farbigen Lebens und der grausamen Tode, weil jene nicht mehr existieren, weil sie ausgelöscht wurden. So wird Erinnerung schon in der ersten Potenz, was sie in der Regel erst bei sehr viel höherstufiger Bearbeitung preisgibt zu sein: ein Akt der leidenschaftlichen Erfindung.

Dass hier Sentimentalität und Kitsch drohen, liegt auf der Hand. Jonathan Safran Foer begnügt sich keineswegs mit der karikierenden Überzeichnung der mythisch-historischen Schtetl-Welt, die bei aller Frivolität, Frechheit und Frömmigkeit immer etwas von Musical und Märchen behält. Man kann sich ganz gut ein paar jiddische Lieder vom Milchmann dazudenken. Und einen Fiedler in Chagall-Farben. Nein, dieses Schtetl-Stadl allein wäre bloß literarische Samstagabendunterhaltung. Foer erfindet vielmehr einen zweiten Erzähler, der ein lustig-falsches Englisch spricht und zum Beispiel den Ausdruck "wahrheitlich" gerne im Munde führt. Schöner als mit "wahrheitlich" kann man die Ambition des Romans, Erfindung und Erinnerung in eins zu bilden, kaum ausdrücken.

Hintersinniges Sprachspiel

Also der zweite Erzähler und die zweite, wohl entscheidende Erzählstrategie zur Beglaubigung und zugleich zur Brechung der bezaubernden Fiktion. Tatsächlich beginnt der Roman mit der Stimme eines jungen, großmäuligen Ukrainers namens Alexander Perchow, der zusammen mit seinem trinkenden Vater und seinem um die verstorbene Frau trauernden Großvater für das Reisebüro Heritage Touring arbeitet. Dieses männliche Familientrio führt jüdisch-amerikanische Individualtouristen, die auf der Suche nach ihren Vorfahren sind, durch die ukrainische Landschaft. Der Vater organisiert, Opa und Enkel fahren.