Eigentlich müssten die Munzingers mitten in Festvorbereitungen stecken. Doch in dem dreistöckigen Firmengebäude im gepflegten Ravensburger Vorort Oberzell ist nicht zu spüren, dass Deutschlands renommiertes Archiv am 17.

März 90 Jahre alt wird. Eine Jubelfeier? "Unser großes Ziel ist der 100.

Geburtstag", sagt Ernst Munzinger, der Hausherr. Den zu erreichen wird tatsächlich eine große Herausforderung sein: Denn vieles, was Munzinger verkauft, gibt es im Internet inzwischen kostenlos, und die Zeitungskunden durchleben gerade die größte Krise der Nachkriegszeit.

Noch schwören immerhin 2000 Abonnenten auf die Produkte des Hauses: Daten, Daten und nochmals Daten. Vor allem Daten, auf die man sich verlassen kann.

Ob 18 Seiten Biografie über Helmut Kohl oder sechs Blatt Patricia Kaas - gegen das Argument "So steht es im Munzinger" ist kein Kraut gewachsen.

Munzinger macht Daten quasi amtlich.

Die Erfolgsgeschichte fängt am 17. März 1913 mit der ersten Lieferung des "Archivs für publizistische Arbeit" an. Dahinter steht der damals 35 Jahre alte Ludwig Munzinger, ehemaliger Chefredakteur der Badischen Landeszeitung in Karlsruhe, kurzzeitiger London-Korrespondent und zuletzt Partner in einem Hauptstadt-Büro für die Provinzpresse. Seine Idee: "Ich muss versuchen, für die Masse der deutschen Zeitungen die Möglichkeit zu schaffen, sich bei erschwinglichen Kosten ein Archiv zu schaffen."

Die Idee kommt in den Redaktionen gut an, schon nach ein paar Monaten scheint die Zukunft des Unternehmens gesichert. Doch dann beginnt die Zeit der Kriege. Die Familie zieht aufs Land in die Nähe der oberschwäbischen Stadt Ravensburg, nach Berlin, nach Dresden und zurück nach Ravensburg. Im Ersten Weltkrieg muss Munzinger an die Front, im Zweiten wird der Firmenchef kurzzeitig inhaftiert, ein Großteil des Archivmaterials von den Nazis beschlagnahmt. Ein von der Gauleitung bestellter Zensor wacht über die Redaktion. Später, in der DDR, sei vieles wohl als Klopapier verwendet worden, glaubt Gründersohn Ludwig Munzinger zu wissen.

Nach 1945 beginnt auch bei Munzinger der Wiederaufbau, und in den fünfziger Jahren beziehen schon wieder 350 Tageszeitungen die Archivdienste aus dem Hause Munzinger, dazu kommen vermehrt Bibliotheken, Verbände, Behörden, Rundfunk und Fernsehen. Die Zeitungskonzentration in den sechziger Jahren geht nicht spurlos an der Abonnentenzahl vorüber. Doch da hat Munzinger schon den Ruf der Unentbehrlichkeit.

Herzstück ist unverändert das Internationale Biographische Archiv, gut 12 000 Lebensläufe von lebenden Personen, 11 500 von Verstorbenen

jede Woche wächst die Zahl der Dossiers um etwa 30. Zum Klassiker- kam vor 15 Jahren das Pop-Archiv

das Sportarchiv, ebenfalls eine Sammlung von Biografien, erscheint bereits im 76. Jahrgang. Noch vom Firmengründer gestartet wurde das Handbuch Zeit-Archiv, eine Chronologie der Weltereignisse. Am meisten Umsatz bringen inzwischen die Länder-Porträts: Zahlen, Daten, Fakten aus aller Welt.

Schriftstellerische Begabung ist bei Munzinger nicht gefragt, geschrieben wird "aus der dokumentarischen Distanz". Und primär auf der Basis von Presseausschnitten. In jedem Fall werden die Biografien vorgelegt.

"Ausschließlich zur Verifizierung", wie versichert wird. Doch manch einer versucht dabei auch, seine Vergangenheit zu schönen: so etwa der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg Hans Karl Filbinger. Als er 1978 wegen seiner Rolle als Marine-Richter zur Zeit des Nationalsozialismus sein Amt verlor, hatte er den Munzingers zunächst nur von seinen Begnadigungen berichtet, die von ihm verhängten Todesurteile aber unterschlagen.

Sonderwünsche werden nur ausnahmsweise erfüllt. Umsonst bettelte unlängst eine 40 Jahre alte Filmschauspielerin, man möge sie verjüngen. Dagegen setzte der zuständige Redakteur sofort die Bitte von Elisabeth Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz um, sie möchte nur noch Noelle heißen.

Komplizierter ist die Antwort auf die Frage, wem Munzinger überhaupt die Ehre gibt. "Das ist oft eine Gratwanderung", erklärt Ernst Munzinger, "vor allem im Pop-Archiv." Da fanden etwa Dieter Bohlen und seine Exfrau Verona Feldbusch Aufnahme, nicht aber Bohlens zeitweilige Weggefährtin Naddel.

Eine unmittelbare Konkurrenz sehen die Munzingers nicht. Und das Internet?

Das habe die Verfügbarkeit der Informationen erhöht, zudem zum Nulltarif, während bei Munzinger auch im Internet nichts umsonst zu haben ist. Letztlich hofft der Unternehmer, dass am Ende seine Zuverlässigkeit den Ausschlag geben wird. Ernst Munzinger sagt: "Wir sind nur ganz selten falschen Informationen aufgesessen." 1978 allerdings musste man Fehler im Länderporträt des Zwergstaates Andorra einräumen. "Zur Korrektur unserer vorgelegten Daten sah man sich dort nicht veranlasst", entschuldigte sich der Senior Ludwig Munzinger damals.

Qualität hat ihren Preis. Die Munzinger-Archiv GmbH macht zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr und hat nicht mehr als 47 fest angestellte Mitarbeiter. Das Personal einschließlich der etwa 100 gelegentlichen Zuarbeiter macht etwa zwei Drittel der gesamten Kosten aus, sparen lasse sich da wenig, man könne ja nicht "die Produktion einfach nach Ungarn auslagern".

Der gesamte Herstellungsprozess sei so optimiert, dass da nicht viel zu machen sei. Angesichts der herrschenden Zeitungskrise und der Sparzwänge bei öffentlichen Bibliotheken keine einfache Lage. So ging im vergangenen Jahr der Umsatz zurück, für 2003 hofft man auf wenigstens gleich gute Geschäfte.

Und die Ertragslage? Da sind die Munzingers zugeknöpft. Die Bilanz für 2002 liege noch beim Steuerberater, was wohl heißen soll, dass unterm Strich jedenfalls kein stolzer Gewinn übrig geblieben ist.

Bisher ist die Munzinger GmbH zu hundert Prozent im Besitz der Familie. Aber die stellt sich "seit Jahrzehnten die Frage, ob wir als unabhängiges Familienunternehmen durchkommen". Interessenten meldeten sich immer wieder, große Verlagshäuser, aber auch ambitionierte PR-Leute (wie vor fünf Jahren der schillernde Moritz Hunzinger). Doch irgendwie passte man nie zusammen.

Vor allem klappte es bisher bestens im Familienverbund. Vielleicht weil Sohn und Enkel des Gründers eigentlich ganz andere Berufsziele hatten. Journalist war nur der Gründer. Sohn Ludwig Junior, der die Leitung des Hauses 1957 übernahm, studierte Jura. "Ich wollte mir nicht nachsagen lassen, dass ich mich ins gemachte Bett lege", sagt der heute 82-Jährige, der immer noch ins Büro kommt und Biografien redigiert. Auch Gründerenkel Ernst hatte andere Pläne. Er studierte Maschinenbau und heuerte bei den Wieland-Werken in Ulm an. Da warb ihn 1986 sein Vater ab. "Na, dann probier ich's mal", hat er sich gesagt. Zwei Jahre später war er der Chef.

Clevere Selbstdarsteller sind sie beide nicht. Typisch schwäbisches Understatement? Eher ein Hauch von calvinistischer Lebenseinstellung. Die Munzingers sind engagierte Protestanten in einer katholischen Umwelt. Erfolg hat man, hat es aber nicht nötig, ihn zu zeigen. Ernst Munzinger drückt es so aus: "In Ravensburg sind wir anerkannt, aber wenig bekannt." An seinem Schmunzeln ist abzulesen, dass ihm das zusagt.

Vor ein paar Jahren hat sich Munzinger ein neues Firmenlogo zugelegt: ein einfacher Schriftzug mit dem Namen, darunter sieben farbige Punkte. Sechs stehen für die sechs Informationsdienste, die das Haus anbietet, der siebte für "alle weiteren Möglichkeiten". So wie Ernst Munzinger das sagt, kann man davon ausgehen, dass er jedenfalls an die Zukunft seines Unternehmens glaubt.